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Österreich, Durchquerung, Reisebericht

 

 

Ich hatte kein Ziel. Was das betraf, war ich vollkommen wunschlos. Stattdessen hatte ich Zeit. Das schien mir diesmal wichtiger. Als ich am 18. Mai vor meiner Haustür auf mein Fahrrad stieg, hatte ich keine Ahnung, wohin mein Weg führen mich würde. Ich wollte mich überraschen lassen. Wenn es überhaupt irgendeinen Rahmen für diese Reise gab, dann jenen, dass ich mir vorgenommen hatte, nichts zu planen. Ich wollte einfach nur unterwegs sein. Heute da, morgen dort. Der Rest würde sich ganz von selbst ergeben.

 

Am ersten Tag fuhr ich meinem Freund Markus auf dem Fahrrad bis zum Peilstein. Der 23 Kilogramm schwere Rucksack auf meinem Rücken ließ mich meine Idee, mit dem Rad ein paar Tage später auf dem Gipfel des Schneebergs zu stehen, wieder vergessen. Als ich Mitte der Woche dann bei 80 km/h Sturm und 30 Zentimeter Neuschnee am Klosterwappen stand, ging mir das Fahrrad schließlich auch wirklich gar nicht ab. Mit nichts als Sportschuhen an den Füßen, kam ich mir auch so deplaziert genug vor. Tags darauf stieg ich über den Alpenvereinsteig aus dem Höllental auf das Raxplateau. Ich war erstaunt, dass die Wände für einen Wanderer ganz anders aussahen, als für einen Kletterer. Denn als Kletterer war ich in den vorangegangenen Jahren unzählige Male in „das schönste Tal der Welt“gekommen – heute aber war zum ersten Mal alles anders.

 

Der Ort, von dem ich ursprünglich aufgebrochen war, lag schon weit hinter dem Horizont. Wolken, die der Wind vor sich hertrieb, fegten über die einzelnen Kuppen der ebenmäßigen Landschaft, und da und dort lag noch Schnee. Zum ersten Mal fühlte ich den Weg, der inzwischen hinter mir lag. Ich war buchstäblich noch nie „so weit gegangen“. Das machte mich neugierig und ich wollte mehr entdecken.

 

In brütender Hitze schleppte ich mich über die Schneealm, auf dem Gipfel der Veitsch übernachtete ich in meinem kleinen Zelt, auf dem Hochschwab lief ich einem Unwetter gerade noch davon, und nach zehn Tagen in den Bergen, war Eisenerz die erste Ortschaft, die ich nicht nur von oben sah. Meine Tage teilte ich längst nicht mehr in Stunden ein. Tage waren das Maß meiner Zeit geworden.

 

Mit Riesenschritten näherte ich mich dem Gesäuse, und gemeinsam mit meinem Freund Werner stieg ich auf den höchsten Gipfel dort. Wir drehten einen Film über die Besteigung des Hochtors. Werner als Kameramann – mit seinen Aufnahmen habe ich heute noch immer wieder Freude. Alleine ging es später weiter. Über Stock und über Stein. Ich freute mich schon auf die Niederen Tauern. Die Kalkgebirge lagen hinter mir – die Urgesteinsberge vor mir. Mit einem Mal änderte sich das Landschaftsbild. Die Hänge waren grün, überall floss Wasser in tausend kleinen Bächen zu Tal, und hier sollte ich die schönste Nacht während meiner langen Wanderung verbringen. Nach 800 Höhenmeter Aufstieg aus dem Talgrund hatte ich ich einen wunderschönen Bergsee erreicht. Die Luft lag vollkommen ruhig über den Gipfeln, und die ganze Landschaft ringsum spiegelte sich in dem kleinen See. Auf einer ebenen Wiese schlug ich mein Zelt auf, und bevor ich mich nach dem langen Tag müde in meinen Schlafsack legte, schaute ich noch eine Ewigkeit in das weite Land hinaus. Bergkette reihte sich an Bergkette, so weit bis die letzte von ihnen am Horizont im Dunst verschwand. Die Sonne sank immer tiefer und der Himmel war in dunkles Rot getaucht. Selten hatte ich etwas so schönes gesehen und zufrieden schlief ich später ein. In dieser Nacht träumte ich davon, fliegen zu können.

 

Nach einem langen Tagesmarsch erreichte ich das Ende der Wölzer Tauern und traf meinen Freund Axel in einem Gasthof in Donnersbachwald. Ich merkte, dass ich wirklich schon lange unterwegs war, denn noch zwei Tage später konnte ich ihm stundenlang von der hübschen Kellnerin in Donnersbachwald vorschwärmen. Mitten in den Schladminger Tauern war, nachdem wir in ungefähr 12 Stunden zwei Tagesetappen hinter einander geschafft hatten, diesmal das Gewitter schneller. Völlig durchnässt, aber wenigstens nicht vom Blitz erschlagen, erreichten wir die Putzentalalm. Draussen war es schon finster, aber der freundliche Bauer kochte uns noch ein warmes Essen. Ich war hungrig, und verdrückte eine ganze Pfanne mit Speck, Zwiebel, fünf Erdäpfeln, und acht Eiern. Alleine. Der Bauer war sprachlos und wir legten uns in den Stall schlafen. Neben einer Katzenmutter und ihren Jungen. Ein weiterer herrlicher Tag war zu Ende gegangen.

 

Irgendwann später trafen wir wieder mit Werner zusammen. Zu dritt stiegen wir auf den Hochgolling. Auf unserem Weg zum Gipfel bestaunten wir unglaubliche Wolkenstimmungen, und ich war einfach dankbar dafür, mit meinen beiden Freunden hier zu sein. Zwei Tage darauf, und etliche Gipfel, Pässe, und Übergänge weiter, traf ich am Giglachsee meinen Sohn Stefan. Wir verbrachten den Nachmittag zusammen, und Steine ins Wasser zu werfen, und den Wellen zuzusehen, machte uns restlos glücklich. Stefan stieg später wieder ab, und Axel und ich kletterten auf unseren letzten Gipfel entlang unseres Weges. Wir erreichten die Steirische Kalkspitze am frühen Abend und genossen noch lange den lauen Abend. Selbst hier heroben, auf über 2500 Meter Höhe, wurde es in dieser Nacht nicht kalt. Zwei Meter unter dem Gipfelblock schlief ich tief und fest, bis mich am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen weckten.

 

Ein Sprichwort besagt, dass man dann aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Vielleicht trifft das manchmal sogar zu. In diesem Fall denke ich, war es so. Ich spürte genau, dass mein Weg hier zu Ende war. Vorläufig zumindest. Für´s erste hatte ich genug gesehen. Vor allem aber gefühlt. Von Zeit zu Zeit war es ein tatsächlich berauschendes Gefühl gewesen, ohne Unterbrechung so weit zu gehen. Von Zeit zu Zeit breitete sich in mir eine unendliche Ruhe in mir aus, und von Zeit zu Zeit wünschte ich mir, ich könnte ewig weiter wandern. Eines Tages werde ich das wohl auch tun. Ich kenne das Datum nicht, aber zweifellos werde ich irgendwann wieder ohne Ziel aufbrechen, nicht wissend, wohin mein Weg mich führen wird. Ich weiß nur, dass er voller Überraschungen sein wird.