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Chile, Aconcagua 6.962 m, Solo Nonstop in 11 h 25 Minuten, Expeditionsbericht

 

 

Wenn mich heute jemand fragen sollte, was mir zu “Aconcagua” einfällt würde ich ganz spontan antworten: WIND! Aber Gott sei Dank ist das nicht meine einzige Assoziation mit diesem Berg geblieben....

 

Meine Expeditionen der letzten Jahre haben mich ja immer wieder in den Himalaya geführt und so wollte ich nun zum ersten Mal nach langer Zeit wieder einmal in die südamerikanischen Anden zum bergsteigen gehen. Die Vorfreude war also groß. Mein Ziel war es, mit einer kleinen Gruppe – wir waren zu viert – den Aconcagua zu besteigen. Mit 6.962 Metern ist er der höchste Gipfel der Anden. Keiner der anderen drei – meine Freundin Marina, Thomas Kremmin aus Amerika, und dessen Freund Gerd aus Vorarlberg – hatte Erfahrung an so hohen Bergen. Aber da der Aconcagua auf der Normalroute ja technisch nicht anspruchsvoll ist, schien er uns ein gutes Ziel zu sein, um mit der Höhe von fast 7.000 Metern zum ersten Mal in Berührung zu kommen. Das dachten natürlich nicht nur wir allein, sondern das denken sich jedes Jahr etwa 3500 hoffnungsfrohe Bergsteiger aus aller Herren Länder, die im Acocnagua eine „leichte Beute“ sehen. Das wusste ich, und das war dann auch der Grund dafür, dass wir schon Ende November nach Argentinien aufbrachen – in der Hoffnung dann noch ziemlich allein zu sein. Eine angenehme Nebenerscheinung war dabei auch, dass das Permit, das wir am 29. November in Mendoza erstanden, nur 80,-- US $ kostete. Zwei Tage später hätten wir 120,-- US $ dafür berappen müssen, und ab dem 14. Dezember überhaupt stolze 200,-- US $.

 

Alles klappte vorerst wie am Schnürchen. Wir kamen rasch nach Penitentes und Puente del Inca und begannen auch bald bei herrlichem Wetter den Marsch ins Horconestal. Nach 4 Stunden erreichten wir Confluencia, ein kleines Lager wo wir zwei Nächte und einen Tag verbrachten. Den Tag nützten wir zu einer Akklimatisationswanderung, die uns an den Fuß der Südwand des Aconcagua führte: Dreitausend Meter Schnee, Fels und Eis. Unglaublich. Eine Wand wie im Himalaya!

 

Der nächste Tag wurde schon anstrengender. 22 Kilometer ins Basislager „Plaza de Mulas“. Noch dazu wurde das Wetter schlechter, es begann zu schneien und zu stürmen. Noch dachten wir uns nicht allzu viel dabei. In vielen verschiedenen Berichten und Erzählungen war immer wieder von Wind – mehr oder weniger stark – die Rede. Aber die kommende Nacht wurde dann doch spannend. Der Sturm zerlegte ein Materialzelt sodass am Morgen nur noch ein paar Fetzen davon übrig waren, und manchmal drückte es uns die Wände des North Face VE25 – und das ist eigentlich ein sehr stabiles Zelt – in dem wir lagen, bis auf die Nase. An Schlaf war nicht zu denken. Wir waren froh, dass für den nächsten Tag ohnedies rasten und akklimatisieren geplant war, denn zu mehr wären wir nach dieser Nacht wohl kaum fähig gewesen.

 

Da wir insgesamt nicht gerade übertrieben viel Zeit für unser Unternehmen hatten, versuchten wir in den kommenden Tagen unsere Pläne trotz des stürmischen Wetters einzuhalten. Manchmal schneite es auch. Das machte zwar das Steigen schwer, aber dafür bekam der Berg ein wunderschönes winterliches Aussehen, und war nicht nur der einfärbige, braune „Schutthaufen“ von dem so viele erzählt hatten. (Übrigens waren wir anfangs tatsächlich, so wie erhofft, fast alleine am Berg unterwegs.) So stapften wir also schon ziemlich erschöpft und müde - nach zwei Sturmnächten im ersten Hochlager („Nido de condores“ 5.350 m), in denen wir wieder kaum geschlafen hatten - in Richtung „Berlin Camp“ (5.900m). Von hier aus wollten wir am nächsten Morgen zum Gipfel aufbrechen. Doch wie so oft beim Bergsteigen, kam alles ganz anders, als wir es geplant hatten.

 

Es wurde eine Nacht wie in einer Tiefkühltruhe. Minus 25 °C zeigte das Thermometer und Marina schlotterte neben mir im Schlafsack, dass ich mir schon ernsthafte Sorgen machte. Ihr Zustand war für mich alles zusammen nicht mehr sehr beruhigend und noch in der Nacht entschied ich, dass wir beide absteigen würden. Alles andere hätte keinen Sinn gehabt. Thomas und Gerd brachen um 6.30 h zum Gipfel auf. Ich wünschte ihnen noch alles Gute, und da das Wetter zum ersten Mal wirklich traumhaft schön war, hatten wir alle große Hoffnungen, dass zumindest sie den Gipfel erreichen würden. Für mich blieb es dennoch eine völlig klare Entscheidung, dass ich Marina auf keinen Fall alleine lassen würde – mochte das Wetter auch noch so schön sein – 6.000 Meter war keine Höhe, mit der man sich spielen durfte. Wenn es dort oben jemandem nicht gut ging - warum auch immer - dann gab es eigentlich nur eine Möglichkeit: Hinunter! Wir stiegen ab.

 

Abends saßen wir alle zusammen wieder im Basislager. Thomas und Gerd hatten es leider nicht geschafft. Auf 6.500 Meter Höhe, hatten sie aufgegeben. Die Anstrengungen der letzten Tag und Nächte, der wenige Schlaf durch den vielen Sturm – all das hatte letztendlich auch ihnen zu viel Substanz gekostet, und die Kraft war zu Ende. Und keiner wollte es ein weiteres Mal versuchen. Aber das Wetter war jetzt großartig - besser würde es nicht werden, das wusste ich – und so lagen die Dinge für mich selbst ein bißchen anders. Für mich war eigentlich ganz klar, dass ich es noch einmal versuchen wollte. Die Frage war nur wie?

 

Letztendlich fasste ich den Entschluss, alles auf eine Karte zu setzen: Ich würde versuchen, vom Basislager direkt zum Gipfel zu steigen. Ich wusste selbst nicht, ob ich das schaffen könnte, schließlich waren es 2.700 Höhenmeter dort hinauf und der Gipfel war fast 7.000 Meter hoch. Aber das Spiel mit diesen riesigen Distanzen reizte mich ungemein, genauso wie dieser leichte und schnelle Stil. Lieber wollte ich, wenn es sein musste, an dieser Idee scheitern, als mit ziemlicher Gewissheit von „Nido de condores“ oder vom „Berlin Camp“ den Gipfel zu erreichen. Ich muss allerdings auch dazusagen, dass dem ganzen natürlich auch eine sehr praktische Überlegung zugrunde lag: Ich hatte ja keine Ahnung, wie lange das gute Wetter halten würde?! Die Entscheidung war also gefallen.

 

Nach nur einem Rasttag brach ich um 23.50h von Plaza de Mulas (4.250 m) auf. Nur mit dem allernotwendigsten ausgerüstet – einem Biwaksack, zwei Litern Flüssigkeit und meiner Stirnlampe – stapfte ich die ersten Hänge hinauf. Zuerst schien noch der Mond, aber der verschwand bald hinter einer der Gebirgsketten im Westen und von da an stand der Aconcagua wie ein riesiger schwarzer Schatten über mir und sein Gipfel hob sich unendlich weit oben gegen den Sternenhimmel ab. Es würde ein langer Weg werden – soviel war klar.

 

Gegen halb vier Uhr morgens erreichte ich Nido de condores. Die ersten 1.100 Höhenmeter lagen hinter mir. Eine andere österreichische Expedition, die den Berg auf ganz konventionelle Weise besteigen wollte, hatte mir einen halben Liter Tee bereitgestellt. Ein sehr wertvolles Geschenk, denn um hier heroben zu soviel Wasser zu kommen, musste man gut 30 Minuten lang Schnee und Eis schmelzen. 30 Minuten, die ich nicht verlieren wollte, da auch sie gegen Ende hin noch sehr wertvoll werden könnten. Ich bedankte mich, hielt mich aber nur knapp zehn Minuten lang auf, um nicht auszukühlen, dann ging ich weiter. Bei Tagesanbruch hatte ich das zweite Hochlager erreicht. Ich war nun knapp 6.000 Meter hoch, noch immer gut bei Kräften und vor allem noch immer sehr schnell, und zum ersten Mal während dieses endlosen Aufstiegs schien mir der Gipfel langsam aber doch in greifbare Nähe zu rücken. Es war genau 06:05 Uhr als ich meine kleine Stirnlampe hinter einem Felsen versteckte. Die leere Thermoskanne legte ich gleich dazu. All das tat ich, weil es für mich wichtig war, nicht ein überflüssiges Gramm mit mir herumzutragen.

Bis hierher war alles sehr gut gegangen, aber nun wurde es doch schwieriger. Nach weiteren zwei Stunden Aufstieg erreichte ich zwar Independencia, eine verfallene Notunterkunft in 6.500 Meter Höhe wo Thomas und Gerd umgekehrt waren, aber langsam begann ich die Länge meines Aufstieges zu spüren. Ich zwang mich den kurzen Hang zum Beginn der Traverse hinauf, in der Hoffnung, dass es dort vielleicht wieder leichter würde. Aber dort warteten nur eisiger Schatten und Wind, der hier offenbar immer blies, auf mich. Nun, die Traverse war ein hartes Stück Arbeit, aber wirklich nichts gegen die sogenannte „Canaleta“, die an ihrem Ende auf mich wartete. (Die „Canaleta“ ist eine 35 ° steile Schuttrinnne, die mit Steinen jeglicher Größe und Form aufwarten kann. Vom feinen Sand bis hin zu riesigen Blöcken findet sich hier alles: runde Steine, eckige Steine, braune Steine, schwarze Steine und noch viele Arten mehr. Auf jeden Fall: Steine, Steine, Steine, und all die, alles andere als fest.) Es wurde ein ziemlich harter Kampf gegen meinen dringenden Wunsch die Richtung die wechseln. Die Frage war nun wieder einmal: „Wer war stärker – ich oder ich??“ (Aber das fragen wir uns wohl alle von Zeit zu Zeit.....) Gott sei Dank fand sich da und dort gefrorener Schnee und ich kam besser voran, aber eben auch schon sehr langsam. Zumindest mir kam es so vor, denn der Gipfelgrat wollte nicht und nicht näher kommen.

 

Irgendwann war es dann aber doch so weit. 150 Meter links von mir, jedoch schon fast auf gleicher Höhe, lag der Gipfel. Zumindest ahnte ich, dass er es war. Noch ging es halbwegs, also würde ich wohl auch dieses letzte Stück noch irgendwie schaffen. Genau 11 Stunden 25 Minuten nachdem ich das Basislager auf 4.250 Metern Höhe verlassen hatte, stand ich dann auf dem 6.962 Meter hohen Gipfel des Acocncagua – „Der Wächter aus Stein“ lag unter mir, genau so wie die gesamten Anden, deren höchster Punkt er war. Ein herrlicher Ausblick über eines der großartigsten Gebirge der Erde war der Lohn für diesen langen Aufstieg. Ich blieb knapp eine Stunde lang auf dem Gipfel, fotografierte viel und machte mich dann an den Abstieg. Der war ja auch noch zu bewältigen.

 

Hinunter hatte ich es ziemlich eilig, denn ich wollte auf keinen Fall über Nacht in einem der Hochlager bleiben. Was hinauf oft furchtbar mühsam war, ging hinunter umso schneller. Bergab war die „Canaleta“ eine Angelegenheit von genau 7 Minuten!!! Und mit dem Rest war es ähnlich. Langer Rede kurzer Sinn: Um vier Uhr nachmittags saß ich – wahrscheinlich um ein, zwei Kilo leichter geworden – und mit dem Gipfel des Aconcagua in der Tasche, wieder im Basislager.

 

P.S.: Die Idee „leicht und schnell“ war voll aufgegangen. Zumindest hier am Aconcagua hatte sie sich wirklich bewährt. Ob das auf noch höheren, vor allem aber schwierigeren Bergen auch möglich wäre, ist ein Überlegung wert. Manches spricht dafür, manches spricht dagegen. Es käme wahrscheinlich auf einen Versuch an. Sollte ich einmal zu einem solchen „Versuch“ aufbrechen, seid ihr die ersten, die es erfahren!

 

 

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