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Westpapua, Carstensz Pyramide 4.884 m, Expeditionsbericht

 

 

Als ich anfing diese Expedition zu planen und vorzubereiten, stellte ich bald fest, dass es selbst in Zeiten wie diesen, mit Kommunikationsmöglichkeiten wie Internet, Skype, You Tube und vielem mehr, kaum  möglich ist, verlässliche Informationen über die Carstensz Pyramide zu bekommen. Das Internet erwies sich bei all meinen Recherchen noch als ergiebigste Quelle. Was mir allerdings bald klar wurde, war der Umstand, dass überhaupt an den Fuss der Carstensz Pyramide zu gelangen, im Vergleich zu vielen anderen Bergen der Welt, ein ungleich größeres Problem sein würde, als die Besteigung selbst. Papua ist eine Provinz Indonesiens und dementsprechend ein - naja, nennen wir es - „schwieriges“ Reiseland. Ich las viel von Korruption, Schwierigkeiten mit örtlicher Polizei, dem Militär und den einzelnen Stämmen der Papuas. Das führte oft dazu, dass viele, die die Carstensz Pyramide besteigen wollten, schon im Vorfeld scheiterten und den Berg nicht einmal zu Gesicht bekamen. Oft stieß ich auch auf Informationen über Bürgerkriegsähnliche Zustände wie Schießereien zwischen aufständigen Papuas und dem Militär. Es war kein schöner Gedanke, in so etwas hineinzugeraten. Die in jeder Hinsicht sicherste Möglichkeit war es, mit einem Hubschrauber über all diese Schwierigkeiten hinwegzufliegen, am Fuss der Pyramide zu landen, die Kletterei abzuhaken und wieder zurückzufliegen. Das machten manche tatsächlich in weniger als 24 Stunden. Doch so sicher diese Variante erschien, so uninteressant war sie auch.  Von den Kosten - 15.000 Dollar und mehr - ganz zu schweigen.

 

Nein! Wenn schon, dann wollte ich den Berg auf jeden Fall aus eigener Kraft heraus zu Fuss erreichen. Der fünftägige Anmarsch mit den Danis an die Carstensz Pyramide heran, würde vielleicht ein größeres Erlebnis als die Kletterei selbst sein. Und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Aber lange Zeit fand ich keine Agentur, die verlässlich garantieren konnte, eine Gruppe auch wirklich an den Berg zu bringen. Bis ich auf Dr. Werner Weiglein stieß. Werner ist Deutscher, lebt aber die Hälfte des Jahres in Papua, spricht die Landessprache und besitzt sogar die indonesische Staatsbürgerschaft. In den letzten 20 Jahren war es ihm offensichtlich gelungen, zu allen maßgeblichen Gruppen in der Region der Pyramide gute Beziehungen aufzubauen. Und das war wohl auch der Grund warum es ihm neun Mal in Folge gelungen war,  Gruppen durch den Dschungel und das Hochland an den Bergen zu führen. Ausnahmslos. Er sollte der richtige Partner für uns sein.

Wir, das waren mein Freund Gerald Fiala und ich. Gerald hatte ich 2002 am Cho Oyu kennengelernt. Wir waren schon in der Antarktis am Mount Vinson ein gut eingespieltes Team und so  sollte es auch an der Carstensz Pyramide sein.

 

Nachdem die grundsätzliche Entscheidung zur Reise mit Werner Weiglein gefallen war, machte ich mich daran, Informationen über die Route selbst zu bekommen. Das war schon wesentlich einfacher. Ein Anruf bei Chrisian Stangl, dem Skyrunner, und ich wusste um vieles mehr. Auch Andy Holzer, ein blinder Kletterer aus Osttirol, der die Pyramide im August besteigen konnte, half mir sehr weiter. Nach den Telefonaten mit den beiden, wusste ich, dass die Kletterroute selbst tatsächlich kein Problem sein würde. Wir mussten nur an den Berg kommen.

 

Doch das sollte sich als noch viel schwieriger erweisen, als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Denn Werner empfing uns in Timika, von wo aus unsere Expedition losgehen sollte, mit der Information, dass es kein Trekking zum Berg geben würde, sondern dass wir „durch die Mine fahren würden“. Die Mine! Auch über sie muss ich an dieser Stelle berichten, denn sie spielt nicht nur in dieser Geschichte eine große Rolle. Die Freeport Mine liegt Luftlinie nur etwas fünf Kilometer von der Carstensz Pyramide entfernt und früher war es durchaus möglich, über das Gebiet der Mine völlig unschwierig, in einem oder zwei Tagen ins Basislager zu gelangen. Inzwischen ist sie jedoch eine der größten Gold- und Kupferminen der Erde geworden. Als Tagbau-Mine ist sie ein riesengroßes Loch mit drei Kilometern Durchmesser und über 1.000 Meter Tiefe in der Erdoberfläche. Und sie ist ein ökologische Katastophe für die gesamte Region! Das ist auch der Grund dafür,  warum sich die Minengesellschaft mittlerweile nicht meh gerne in ihre Machenschaften hineinschauen lässt. Seit etwa 15 Jahren hat sie niemanden mehr durch das Gebiet der Mine an die Carstensz Pyramide gelangen lassen. Und jetzt wollte Werner genau das erreichen! Für mich war das keine gute Nachricht. Erstens, weil sich dadurch ja der Plan den Weg zum Berg aus eigener Kraft zu bewältigen in Luft auflöste, und zweitens, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie Werner das schaffen sollte. Dazu muss man wissen, dass Werner auch noch fünfzig Jounalisten mitnehmen wollte, damit diese über die Grundsteinlegung einer Hütte, die Werner errichten will, berichteten.  Nun, es kam wie es kommen musste. Anstatt nach Illaga, dem Ausgangspunkt unseres Trekkings zu fliegen, standen wir einen ganzen Tag lang am Eingang zum Minengelände herum und warteten vergeblich darauf, hinauffahren zu dürfen. Zwei Tage zuvor war ein Arbeitertransport auf dem Weg hinauf beschossen worden. Es gab zwei Verletzte und das kam der Minengesellschaft natürlich gerade recht, um uns die Durchfahrt zu verwehren. Alles sei jetzt viel zu gefährlich und instabil, hieß es. Und so hatten wir einen ganzen Tag verloren. Werner aber wollte an seinen Plänen unbedingt festhalten, was dazu führte, dass wir Bergsteiger ungehalten wurden. Wir hatten mit ihm ja ein Trekking zum Berg vereinbart und keiner von uns hatte irgendein  Interesse an dieser Minengeschichte. Werner aber war zu keiner Änderung seiner Pläne oder irgendeinem Kompromiss bereit und wir Bergsteiger mussten erschüttert feststellen, dass wir ihm letztendlich vollkommen ausgeliefert waren. Ein wenig überspitzt formuliert war es nämlich so, dass wir ohne Werner in dieser Gegend kaum vom Hotel zum Flughafen kommen konnten. Ohne ihn lief hier für uns überhaupt gar nichts. Am Ende stellten wir resignierend fest, dass wir eben einfach Pech hatten, mit unserer Expedition genau in das Zeitfenster mit Werners Hüttenplänen gestolpert zu sein. Das war Pech, aber nicht zu ändern. Und da wir hier ohne ihn also nichts ausrichten konnten, war es unterm Strich das Vernüntigste,  ihm und seinen Versprechungen zu vertrauen, dass er das schon irgendwie schaffen würde. „Da haben wir schon ganz andere Dinge gestemmt“ war ein geflügeltes Wort von ihm in diesen Tagen. Werner kam mir in seiner Fixiertheit auf seine Idee durch die Mine zu fahren so vor, wie Klaus Kinski in dem Film Fitzcerraldo, in dem er in völlig absurder Weise versucht, ein riesiges Schiff durch den Regenwald von einem Flusslauf zu einem anderen zu ziehen. In anderen Worten: Ich war mir nicht mehr so sicher, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

 

Tags darauf begann alles so wie wir es schon kannten. Warten am Eingang zur Mine. Und nichts geschah. Doch dann zu unser aller Überraschung kam Bewegung in die Sache. Offentsichtlich war es Werner tatsächlich gelungen, gemeinsam mit der indonesischen Provinzregierung so viel Druck auf die Minengesellschaft auszuüben, dass diese sich doch bereit erklärte, zumindest 15 Journalisten und uns Bergsteiger hinauffahren zu lassen. Zuvor mussten wir alle noch eine Enthaftungserklärung unterschreiben, in der wir uns mehr oder weniger damit einverstanden erklärten, sollten wir erschossen werden und dass die Minengesellschaft in solch unerfreulichen Fällen nicht belangt werden würde.  Ich unterschrieb mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen und dann ging es los. Die kommenden Stunden hindurch kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Es ist unglaublich, welch ungeheure Infrastruktur die Minengesellschaft errichtet hatte, um all das hier am Laufen zu halten. 21.000 Menschen arbeiten und leben hier - vom Ingenieur bis zum Tagelöhner. Es gibt eigene Spitäler, Schulen, ja sogar Gefängnisse. Maschinen so groß wie Einfamilienhäuser, Bagger  die in ihrer Größe jede Vorstellungskraft sprengen. Alles in allem eine Szenerie wie in einem James Bond Film. Nicht zuletzt deshalb, weil überall schwer bewaffnete Sicherheitsleute herumstehen, die darauf achten, dass niemand auch nur den Versuch unternimmt, einen Bereich der Mine zu betreten, der für ihn nicht vorgesehen ist.  Das betraf ganz besonders uns - wir wurden auf Schritt und Tritt bewacht.

 

Schüsse fielen keine. Wir kamen heil am oberen Ende der Mine an. Inzwischen war es aber längst dunkel geworden und im Licht unserer kleinen Stirnlampen stolperten wir 150 Höhenmeter über eine riesige Abraumhalde in ein Tal hinunter, wo wir unsere Zelte aufstellten. Müde legten wir uns in unsere Schlafsäcke und schliefen bald ein.

 

Das Aufwachen am nächsten Morgen war nicht für alle angenehm. Schließlich wurden wir von Meeresniveau auf eine Schlafhöhe von 4.000 Meter katapultiert. Innerhalb von nur acht Stunden. Dafür zahlten nun einige einen hohen Preis. Vor allem die Werners Journalisten litten unter allen nur erdenklichen Symptomen der Höhenkrankheit. Selbst Werner übergab sich und hatte Kopfweh. Doch er ist ein harter Knochen und war auch angesichts der leidenden Reporter nie bereit, seine Vorgehensweise in Frage zu stellen.

 

Für Gerald und mich war das Theater um die Grundsteinlegung der Hütte nur zweitrangig. Wir machten uns auf den Weg, um den Zustieg zur Nordwand der Carstensz Pyramide zu erkunden. Wir wanderten mit leichtem Gepäck durch sumpfige Wiesen, vorbei an malerischen, kleinen Bergseen, entlang gewaltiger Felswände die um uns herum standen. Die Landschaft ähnelte jener in den Dolomiten. Nur war alles hier natürlich viel exotischer. Nach zweieinhalb Stunden standen wir am Einstieg. Es sah tatsächlich so aus, als wäre die gesamte Route mit Fixseilen versichert. Genau so, wie Andy Holzer es mir beschrieben hatte. Der Gipfel versteckte sich in Wolken und da wir für´s erste genug gesehen hatten, und möglichst trocken wieder zum Lager zurückkehren wollten, machten wir uns bald auf den Weg.

 

Am nächsten Morgen stiegen wir noch einmal zum Einstieg. Diesmal trugen wir unsere gesamte Kletterausrüstung mit uns. Jedoch nur um sie am Fuss der Wand zu deponieren. Was mich betraf, merkte ich, dass mir die Höhe zusetzte. Ich spürte wie sich eine Verkühlung entwickelte und registrierte, dass ich anstatt stärker, eher schwächer wurde. Deshalb plagte ich mich am Zustieg dieses Mal auch mehr als Tags zuvor. Gerald hingegen ging es wunderbar und er wollte unbedingt die ersten paar Seillängen der Wand hinaufklettern. Ich willigte ein und band mich ins Seil. Gleich der erste Aufschwung am Einstieg ist eine Stelle im III. Schwierigkeitsgrad. Ich schnaufte, aber es ging schon. Dann stiegen wir noch 100 Höhenmeter in leichterem Gelände weiter, fanden dabei heraus, dass wir morgen ohne Seil klettern würden, da es wirklich mehr hinderlich als hilfreich war. Die Kletterei war leicht und die Fixseile waren ja auch noch da. Mit dieser Erkenntnis lagen wir abends im Zelt und freuten uns auf den morgigen Tag. Er sollte unser Gipfeltag werden.

 

Um halb vier Uhr morgens verließen wir das Lager. Es war dunkel, aber der Himmel war sternenklar. Während der letzten beiden Tage hatten wir keinen Tropfen Regen gehabt, was für diese Gegend eine absolute Sensation war, und natürlich hofften wir, dass das an diesem Tag noch so bleiben würde. Es war erstaunlich kalt und die feuchte Wiese durch die wir schritten, war ein bißchen von Reif überzogen.Gegen fünf Uhr wurde es schlagartig hell. In den Breiten nahe des Äquators gibt es  ja keine Dämmerung so wie wir sie kennen. Im Gegenteil - innerhalb von Minuten wurde es Tag. Das Wetter an diesem Morgen war traumhaft. Die Luft war glasklar und in das herrliche Morgenlicht getaucht, mit scharfkantigen Schatten, stand vor uns die Nordwand der Carstensz Pyramide. Unser Ziel! Obwohl es mir gesundheitlich nicht besonders gut ging, spürte ich einen enormen Auftrieb, und als ich schließlich zu klettern begann, war alles Halskratzen und die verstopfte Nase mit einem Mal vergessen. Ich spürte, es würde ein großartiger Tag werden.

 

Rasch war die Einstiegshürde genommen. Da hing zwar das Seil, aber natürlich hatte ich den Ehrgeiz, es nicht zu verwenden. Der große Rucksack war schwer, denn vorsorglich hatte ich das 60-Meter Seil doch eingepackt, und auch die große Kamera wollte ich unbedingt dabei haben. So bepackt war ich natürlich ein bißchen behäbig unterwegs, aber wirklich schwierig war es ja nicht. Gleich darauf  legte sich die Wand zurück und es wurde sogar noch leichter. In wunderschöner Kletterei im II. Schwierigkeitsgrad ging es weiter. Das Steigen war eine reine Freude. Der Fels war fest und rau und vom wolkenlosen, blauen Himmel schien die Sonne herab und wärmte uns. Denn südlich des Äquators lagen Nordwände vormittags schon in der Sonne. Ich fotografierte viel, denn ein tolles Motiv jagte das andere. In der Wandmitte wurde es für 100 Höhenmeter noch flacher und wir kamen in richtiges Gehgelände. So durchstiegen wir einen Kessel mit ein paar kurzen Steilaufschwüngen und gelangten an den Beginn es etwa 40 Meter hohen Risses, der auf dem Westgrat endete. Fast senkrechte Kletterei im III. Grad in perfektem Fels - Klettererherz was willst du mehr? Am Grat angekommen, stiegen wir 80 Meter fast waagrecht weiter bis wir vor einer mächtigen Scharte standen. Diese Passage bildete immer die Schlüsselstelle der gesamten Route. Früher seilte 20 Meter tief in die Scharte hinunter ab, und stieg auf der anderen Seite durch einen Riss im Schwierigkeitsgrad V+ wieder auf den Grat hinauf. Heute war alles ein bißchen leichter, denn  über den 25 Meter  breiten Abgrund war ein Seil gespannt. Was heißt „ein Seil“? Ein halbes Dutzend Seile! Wir brauchten uns nur das vertrauenerweckendste aussuchen, einen Karabiner einhängen, und uns hinüberhangeln. Eigentlich eine lustige Turnübung. Natürlich auch ein Kraftakt in 4.700 Meter Höhe, aber sicherlich einfacher als früher einmal.

 

Danach folgten wir weiter dem Westgrat über zwei kleinere Scharten hinweg bis unter den Gipfelaufbau. Der höchste Punkt war nun schon zum Greifen nahe. Und tatsächlich: Nach etwas mehr als insgesamt drei Stunden Kletterei standen wir auf dem Gipfel der Carstensz Pyramide. Immer noch trübte keine Wolke den blauen Himmel. Werner sagte uns später, dass er nun zum neunten Mal hier am Berg war, aber ein Wetter wie dieses hatte er noch nie erlebt. Und wir hatten es an unserem Gipfeltag! Es war ein echtes Geschenk bei solchen Verhältnissen hier heroben stehen zu dürfen.

 

Wir verbrachten etwa 45 Minuten auf dem Gipfel, dann machten wir uns über die Aufstiegsroute wieder auf den Weg hinunter.  Mit den Fixseilen ging das alles ganz leicht und unproblematisch und gegen drei Uhr nachmittags waren wir wieder im Lager. Damit lag das Abenteuer am Berg nun hinter uns.

 

Doch jetzt kam noch der Rückweg. 110 Kilometer über das Hochland des Carstensz Gebirges und den Dschungel nach Illaga. Manche sagten, dass der Weg zum und vom Berg viel anstrengender sei, als der Gipfeltag selbst, und da ich nicht mehr ganz gesund war, machte mir das natürlich ein paar Sorgen. Doch gemeinsam mit Gerald würde ich es schon schaffen. Zwei Tage später also verließen wir unser Lager  und stiegen über den Neuseelandpass auf die Nordseite des Carstensz Gebirges ab. Ein letztes Mal blickte ich zum Gipfel der Pyramide, freute mich dass ich gemeinsam mit Gerald dort oben gestanden war, und ließ mich von diesem Moment an auf den Rückmarsch nach Illage ein.

 

Und dieser wurde ein Abenteuer ganz für sich alleine. Begleitet von fünf Trägern gelangten wir in eine wunderschöne Landschaft mit Bergseen und Baumfarnen. Am Horizont sahen wir die mächtigen Nordwände des Ngapulu, des zweithöchsten Gipfels des Carstensz Gebirges. Noch immer war kein Tropfen Regen gefallen.  Fünf Tage lang. Doch das sollte sich von nun an ändern.

 

Denn in den folgenden Tagen wurde das Wetter so, wie es hier eigentlich üblich ist. An jedem Tag schüttete es irgendwann einmal für ein paar Stunden und dann war natürlich alles nass. Die Nässe wurde unser ständiger Begleiter, doch das hatte auch den Vorteil, dass man irgendwann völlig sorglos durch ein Bach oder Fluss waten konnte. Man war am anderen Ufer mit Sicherheit nicht nässer als zuvor. Wir hatten nicht viel zu essen dabei, also wurden die sieben- bis neunstündigen Tagesetappen anstrengender, als sie hätten werden müssen. Werner ist eben ein Purist. Als Mensch hatte ich manchmal meine liebe Not mit ihm, als Typ hingegen ist er im wahrsten Sinne des Wortes „einzigartig“ und mit jemanden wie ihm einmal unterwegs gewesen zu sein, ist irgendwie auch ein „Erlebnis“. So anstrengend die fünf  Tage auch waren, so unvergesslich sind auch die Erinnerungen an sie: Die Träger, die am Ende des Tages in Windeseile aus Baumfarnen einen kleinen Unterstand errichten. Der Geruch und der Geschmack des qualmenden Rauches - an jedem Kleidungsstück und sogar im Teewasser - wenn die Träger versuchten mit dem vom Regen tropfnassen Holz ein Feuer zu entzünden. Schließlich aber doch das Knistern der Flammen, wenn das Feuer endlich brannte. Ihre Gebete, wenn wir  zum ersten Mal frühmorgens aufbrachen. Und schließlich der letzte Tag im Dschungel. Die Regenwälder Papuas zählen zu den dichtesten und unwegsamsten auf der ganzen Welt. Über steile und schlammige Pfade ging es abwärts ins Illagatal. Oft war der Pfad kaum zu sehen, aber Werner und die Träger fanden selbst in den aussichtslosesten Situationen seine Fortsetzung. Als wir Illaga schließlich erreichten - von oben bis unten dreckig und von lästigen, kleinen Fliegen zerstochen - gelangten wir nicht nur in eine erste bewohnte Siedlung in der Zivilisation, sondern gleichzeitig auch in eine, aus unserer Sicht, längst vergangene Zeit. Die ältesten des Dorfes trugen noch ihre alte traditionelle Kleidung, nämlich nicht mehr als einen Penisköcher. Sie trugen zwar Pfeil und Bogen in der Hand, doch sie begrüßten freundlich und herzlich. Die jüngeren Männer Illagas hingegen waren schon ähnlich gekleidet, wie wir es in unserer Zivilisation kennen: Mit kurzen Hosen und T-Shirts. Es fiel mir nicht schwer zu entscheiden, welche der beiden Bekleidungen ich als würdevoller erachtete. Ich glaubte die großen Schwierigkeiten, vor denen diese Menschen standen, zu erahnen. Denn durch den Kontakt mit unserer Zivilisation wurden sie wohl in viel zu kurzer Zeit aus ihrer Vergangenheit in unsere Gegenwart geschleudert. Und jetzt standen sie da, an der Grenze zwischen Steinzeit und Moderne. Es brauchte nicht allzu viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche Folgen dies für das Volk der Danis in nicht allzu ferner Zukunft haben würde. Gibt es doch auf unserer Welt leider viel zu viele Beispiele dafür, wie die letzten weißen Flecken auf unseren Landkarten Vergangenheit wurden. Ich saß da und ein Weile lang beobachtete ich die Leute nur. Ihre Neugierde, ihre Gastfreundschaft uns gegenüber, ihre Rangordnung untereinander. Und am Ende kam ich zu dem Schluss, dass die Gesellschaft dieser, von uns in Gedankenlosigkeit manchmal als „wild“ bezeichneten Menschen, wohl viel gesünder war, als die unsere.

 

Tags darauf landete das kleine Flugzeug jener christlichen Mission, die Illaga mit Medikamente, Saatgut und anderen Dingen versorgte, auf der holprigen Landpiste am Rande des Dorfes. Für uns sollte es mit dem klapprigen Flieger wieder zurück gehen, nach Timika, wo unsere Reise begonnen hatte. Durch das Fenster sah ich draussen am Flugfeld die Bewohner Illagas stehen. Verwundert blickten sie uns nach, als das Flugzeug losrollte. Und während wir uns schon hinauf in den Himmel und in die Wolken über dem Dschungel Papuas schraubten, standen sie wohl immer noch da, und staunten. Zwischen dem Leben der Danis und unserer Gesellschaft lagen Welten. Doch diese überbrückten wir - in nur 40 Minuten Flugzeit. Und damit hatte uns unser viel zu schnelles Leben wieder. Das Abenteuer lag hinter uns. Endgültig.