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Alaska, Denali 6.194 m, Expeditionsbericht

 

Der Mt. Mc Kinley wurde irgendwann nach dem 25. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika benannt. Gerne jedoch blättere ich in der Geschichte Amerikas zurück, als der ganze Kontinent noch ausschließlich von Indianern und Inuits bewohnt war. Sie nannten den mächtigen Eisriesen im hohen Norden „Denali – Der Große“. 6.193 Meter hoch ragt er in den dunkelblauen Himmel Alaskas. Gewaltige Gletscher fließen Dutzende Kilometer weit aus den bis zu 3.500 Meter hohen Flanken des Berges in das Tiefland am Rande der Alaska Range. Seine exponierte Lage nur wenige Hundert Kilometer vom Nördlichen Polarkreis entfernt machen ihn zum „kältesten Berg der Erde“. Temperaturen von –50°C auf seinem Gipfel sind nicht selten. Und als höchster Berg des nordamerikanischen Kontinents zählt er zu den so genannten „Seven Summits“. (Das sind die jeweils höchsten Berge der sieben geografischen Kontinente: Europa, Afrika, Asien, Nordamerika, Südamerika, Antarktis und Ozeanien). Die „Seven Summits“ sind, neben vielen anderen Bergträumen, die ich habe, mein größtes bergsteigerisches Ziel, das ich seit einigen Jahren verfolge.

 

Im heurigen Frühling wollte ich einen weiteren Schritt in Richtung der „Seven Summits“ machen, und nach dem Kilimandjaro (1992), dem Aconcagua (2002) und dem Elbrus (2003) den vierten dieser sieben Gipfel besteigen. Mir war klar, dass der Denali mit den drei vorangegangenen Bergen, die ich auf dem langen Weg zu diesem Ziel schon geschafft hatte, in keiner Weise mehr zu vergleichen war. Kilimandjaro, Aconcagua und Elbrus waren die noch eher leicht zu bewältigenden Aufstiege der „Seven Summits“. Beim Denali aber würde es, das wusste ich, zum ersten Mal richtig schwierig werden. Also versuchte ich für diese Expedition ein besonders starkes Team zu finden. Mit Gerhard Sommer, einem meiner besten Freunde, Michael Gletthofer und Gottfried Ebener, zwei weiteren Steirern, fand sich so etwas wie eine „Idealbesetzung“. Was wir während dieser Expedition erlebten möchte ich euch in der folgenden Geschichte erzählen:

 

Am 20. Mai vormittags ging unser Abenteuer los. Nur 24 Stunden später lag unsere gewohnte „alte“ Welt weit hinter uns und wir mussten versuchen, uns mit dem „American way of life“ anzufreunden. Amerika selbst und der Jetlag von 10 Stunden Zeitverschiebung macht uns das nicht leicht. Gott sei Dank aber gab es Magriet van Laake, eine Holländerin, und ihr Earth Bed & Breakfast. Das Earth Bed & Breakfast ist die Bergsteiger-Herberge in Anchorage. Hier gibt es Bergsteiger und Kletterer aus aller Herren Länder. Franzosen, Spanier, Schweizer, Kolumbianer, Koreaner und mit uns eben auch vier Österreicher. Margriet selbst war eine nette und irgendwie lustige Frau und versprühte ein wenig europäisches Flair. Vor allem aber gab es bei ihr ein gutes europäisches Frühstück. Denn noch waren wir nicht so weit, morgens schon Bratwürste mit Erdäpfelschmarrn (samt Senf und Ketchup) zu verkraften.

 

In Anchorage ergänzten wir unsere Ausrüstung noch um das eine oder andere Stück und am Samstag früh am Morgen ging es weiter nach Talkeetna. Drei Stunden Autofahrt und wir waren da. Talkeetna ist ein winzig kleines Nest irgendwo in Alaska. Eine Ansammlung von vielleicht 100 kleinen, alten Häuschen. Die Hälfte davon sind Souvenirläden. So teuer wie hier alles war, mussten die Einwohner dieses Nests allesamt Millionäre sein. Nachdem wir uns im „Swiss Alaska Inn“ einquartiert hatten, schlenderten wir guten Mutes durch das Dorf zur Ranger Station. Dort bezahlten wir die restlichen 125,-- US $ für unser Permit und ließen das Briefing über uns ergehen. Ein im Gesicht sonnenverbrannter Ranger, der die letzten Tage offensichtlich am Berg verbracht hatte, klärte uns über alle Gefahren und Regeln, die es im Nationalpark zu beachten galt, auf. Er verwendete dazu einen Computer und warf alle möglichen und unmöglichen Bilder in unglaublicher Geschwindigkeit auf einen Bildschirm. Dabei redete er sehr schnell mit einem starken, wahrscheinlich alaskanischem Akzent. Die drei Russen, die bei unserem Briefing auch dabei waren, verstanden glaube ich kein Wort. Das führte zu Dialogen die mich manchmal ein wenig schmunzeln ließen:

 

Ranger: „Do you understand me??“ (mit alaskanischem Akzent)

 

Russen: “Yes! Yes!” (mit russischem Akzent)

 

Ranger: „How many tents do you have??“

 

Russen: “Yes! Yes!”

 

Ranger: “No! I mean tents? How many tents??!”

 

Russen: “Cents!? Yes! Yes!”

 

Und so weiter….

 

Naja, der Ranger machte sich auf jeden Fall nicht viel Mühe die Vorfreude seines Auditoriums auf den Berg zu steigern. Als wir schließlich gingen, hatten wir alle zusammen das Gefühl, dass der Denali der totale Horrortrip werden würde. Unsere Chancen zu überleben bewerteten wir von nun an mit höchstens 10 %. Mit anderen Worten: Wir waren so gut wie tot! Nach einem Alaskan Amber – das ist ein vorzügliches alaskanisches Bier – fingen wir jedoch an, uns wieder zu beruhigen. Noch ein Bier später schätzen wir unsere Überlebenschancen bereits mit 50:50 ein. Tendenz steigend. Wir erkannten rasch, dass wenn wir 100 prozentige Sicherheit erlangen wollten, wir bloss noch ein Bier zu trinken brauchten. Das fiel uns nicht sehr schwer.

 

Dan stand unserem Aufbruch zum Berg nichts mehr im Wege. Mit K 2 Aviation war unser Abflug zum Gletscher für den nächsten Morgen vereinbart. Da aber gab es bei uns allen lange Gesichter. Denn das Wetter war schlecht und es sah auch nicht so aus, als würde es sich im Laufe des Tages noch sonderlich verbessern. Mit einem Flug war heute also nicht mehr zu rechnen. So schlenderten wir ins Dorf zurück und bestellten in derselben Kneipe wie gestern schon ein Alsakan Amber. Das erste noch aus reiner Verzweiflung über das Wetter - das zweite schon mehr aus Spass an der Freud. Am Ende dieses Tages mussten wir allerdings leider feststellen, dass unsere Gemeinschaftskasse auf ein bedenklich kleines Mass zusammengeschrumpft war, und dass wir einen weiteren Schlechtwettertag hier in Talkeetna finanziell nur schwer verkraften würden. Gutes Wetter musste her!

 

Irgendeine höhere Macht hatte Einsehen mit uns und schickte am kommenden Morgen ein paar einzelne Sonnenstrahlen durch die fast geschlossene Wolkendecke, die einen der waghalsigen Piloten von K 2 Aviation doch tatsächlich dazu veranlassten, das scheinbar unmögliche wenigsten zu versuchen. Es war kaum zu glauben, aber eine knappe Stunde später landete der winzig kleine Flieger nach einem abenteuerlichen Flug auf einem Gletscher gut 25 Kilometer vom Hauptmassiv des Denali entfernt. Da standen wir nun zu viert mit gut 200 kg Ausrüstung, Proviant und Brennstoff und doch waren es dreieinhalb Kilogramm zu wenig. Denn meine neuen Ski, die ich extra für diese Expedition angeschafft hatte, und die ich bei Gerhard deponiert hatte, hatte dieser zuhause vergessen. Nun war ich hier, aber meine neuen Ski in Mürzzuschlag! Das war der Augenblick, in dem uns allen zum ersten Mal weich in den Knien wurde. Besonders Gerhard schien sich in seiner Haut gar nicht wohl zu fühlen. Nun ja, wir bewahrten kühlen Kopf und versuchten eine Lösung für unser Problem zu finden. Zuerst einmal erklärten wir den Rangern im Lager unsere Situation und fragten sie, ob sie nicht zufällig ein Paar Ski für uns übrig hätten. So etwas ähnliches wie: „Wie bitte schön kann man seine Ski zuhause vergessen, wenn man auf den Denali steigen möchte???“ lag in ihrem verständnislosen Blick den sie für uns übrig hatten, aber vielleicht wussten sie auch einfach nur nicht, wo Mürzzuschlag war. Wir hatten Riesenglück im Unglück, denn ein Amerikaner, der seine Besteigung vorzeitig abgebrochen hatte, überließ uns für die kommenden Wochen seine Ski. Als wir eine gute Stunde später alles auf die Schlitten gepackt hatten, und losmarschierten, saß uns der Schreck aber immer noch in den Knochen.

 

Das erste Lager wollten wir mit der gesamten Ausrüstung in einem Aufstieg erreichen, ohne ein Depot zu errichten. Das hieß für jeden von uns, mit insgesamt 50 Kilogramm Gepäck im Schlepptau aufzusteigen. Die ersten 150 Höhenmeter ging das noch ganz gut, denn die führten bergab. Aber dann wurde es richtig hart. Über sanft ansteigende, endlos weite Gletscher ging es aufwärts. Wir stiegen über eine fast völlig geschlossene Schneedecke, doch in den sanften Mulden auf der Oberfläche des Gletschers konnte man riesige Gletscherspalten erahnen. Schon zuhause hatten wir vereinbart, dass wir im unteren Teil des Berges keinen einzigen Schritt ohne Seil auf den Gletschern machen würden, und das haben wir auch bis zum Schluss so eingehalten.

 

Am Abend dieses Tages verankerten wir zum ersten Mal unsere Zelte im Eis. Anschließend wurde gekocht, und dann dauerte es nicht lange, und wir krochen in unsere Schlafsäcke um zu schlafen. Und so wie dieser Tag, vergingen im Grunde auch die folgenden. Obwohl wir von hier weg immer zuerst die Hälfte der Ausrüstung im nächsten Lager deponierten, und erst am darauffolgenden Tag mit dem Rest des Lagers nachstiegen, wurde es immer anstrengender. Die Etappen wurden länger, steiler und schwieriger. Zu den Schlitten, die wir hinter uns herzogen, entwickelte sich bei jedem von uns, eine Art Hassliebe. Auf der einen Seite waren sie gewiss die mit Abstand beste Möglichkeit all unsere Lasten hier im unteren Teil des Berges überhaupt vom Fleck zu bekommen, und doch war es eine höllische Schinderei, die unförmigen 25 Kilogramm schweren Ungetümer hinter uns herzuziehen. Bei jedem einzelnen Schritt zerrte ihre Last mit ungeheurer Kraft nach hinten und es kostete oft unglaublich große Mühe sich gegen diese aufzulehnen. Zudem wurde auch das Wetter schlechter. Oft stiegen wir im dichten Nebel bei Wind und Schneetreiben aufwärts, und all das war nicht nur anstrengend sondern auch zermürbend. Einige Tage lang sahen wir von der fantastischen Landschaft rund um uns herum überhaupt nichts, sondern zogen nur eine endlose Spur durch das undurchdringliche Weiß der Wolken, die über dem ganzen Berg zu liegen schienen. So ging es bis in das dritte Lager in einer Höhe von 4.300 Metern, das unser letztes vor dem Gipfel werden sollte. (Üblicher Weise errichten alle Expeditionen auf 5.200 Meter noch ein weiteres Hochlager, das sogenannte „High Camp“, um die Gipfeletappe möglichst kurz zu halten. Unsere Taktik sah hingegen vor, auf das High Camp von vornherein völlig zu verzichten, und von möglichst weit herunten, mit leichtem Gepäck, dafür aber sehr schnell direkt zum Gipfel aufzusteigen) Dort wollten wir uns wirklich „gemütlich“ einrichten, uns besser akklimatisieren und auch einmal einen Rasttag einlegen, bevor wir hier herunten auf den perfekten Gipfeltag warten wollten.

Wir arbeiteten mehrere Stunden lang, bis wir mit unserem Lager wirklich zufrieden waren. Mit einer Schneesäge hatten wir Dutzende Schneeblöcke aus der Oberfläche des Gletscher gesägt, die aufeinander getürmt nun eine hohe Mauer rund um unsere beiden Zelte bildeten. Dieser Wall aus Schnee und Eis würde unsere Zelte vor der Gewalt eines Sturmes hier heroben gut schützen. Bald gab es auch eine richtige Kochnische, die in ihrer Ausführung fast schon einer Einbauküche glich, und Gletti wollte den Eingang zu unserem Lager sogar noch mit einem römischen Torbogen verzieren. Dazu kam es zwar nie, aber auch ohne ein solches architektonisches Meisterwerk ließ es ich hier nun sehr gut aushalten.

Hinter uns lagen inzwischen schon sechs harte Aufstiegstage, doch wir konnten immer noch nicht still sitzen und verlegten den geplanten Rasttag auf später. Das lag einerseits am überraschend guten Wetter, aber auch an der fantastischen Landschaft rund um uns. Von unseren Zelten aus konnten wir den weiteren Teil des Aufstiegs sehr gut einsehen. Zunächst folgte eine 600 Meter hohe Schneeflanke mit einer Steilheit von ungefähr 40° - 45° und darüber ein herrlicher Felsgrat – die sogenannte „West Butress“ von der diese Route auch ihren Namen hatte.

Als erste Seilschaft verliessen wir am nächsten Morgen das Med-Camp (so wird das Lager auf 4.300 m auch genannt). In der Nacht war es sehr stürmisch gewesen und so war die Aufstiegsspur von gestern im wahrsten Sinne des Wortes „vom Winde verweht“. Also hieß es spuren. Ich stieg als erster und jetzt spürte ich die vorangegangenen, anstrengenden Tage doch. Nach 400 Höhenmetern machten wir unter einem Eisserac eine kurze Rast, bevor wir uns das letzte und steilste Stück in der Flanke vornahmen. Die Steilheit betrug hier stellenweise wohl beinahe 50°. Es waren hier sogar zwei Fixseile angebracht, doch die verwendete ich eigentlich nie. Eine dreiviertel Stunde später standen wir auf der West Butress und die Zelte des Med Camp waren nur mehr winzig kleine Punkte unten auf dem Gletscher. Vor uns lag ein wunderbarer Grat mit kombiniertem Gelände. Schnee, Fels und Eis. Da es hier keine Gletscherspalten mehr gab, ließen wir das Seil im Schnee liegen und stiegen ohne weiter. Jetzt machte das Steigen so richtig Spass und da wir den gesamten Grat völlig für uns alleine hatten, folgten nun wohl einige der schönsten Stunden, die ich je in den Bergen verbracht hatte. Wir stiegen hoch über den Wolken die im Norden lagen, und hatten gleichzeitig eine unvergleichlich schöne Aussicht auf die Gletscher im Süden der Alaska Range, über die wir in den letzten Tagen dem Denali immer näher gekommen waren. Es war eine wahrlich unwirkliche Welt hier heroben.

Inzwischen war es wieder sehr stürmisch geworden und die Sicht war schlecht. Nach etwa zwei Stunden hatten wir das High Camp auf einer Höhe von 5.200 Meter erreicht. Hier standen ungefähr 10 Zelte, aber keiner der Bergsteiger, die hier zum Teil schon längere Zeit auf ihre Chance warteten, konnte in den letzten Tagen den Gipfel erreichen. „Zu viel Sturm!“ sagten alle. Die Vorstellung hier heroben mehrere Nächte im Sturm zu verbringen, bestätigte uns noch einmal in unserem Plan, den Gipfel von weiter unten anzugehen. Wir deponierten ein kleines Notfallzelt im Eis und beschwerten es mit Steinen damit es der Sturm nicht fortreissen konnte. Dann stiegen wir ab, denn hier mehr gab es hier heroben für uns heute nicht mehr zu tun.

Als wir das Med Camp wieder erreicht hatten, waren wir trotz des schlechten Wetters alle guter Stimmung. Denn nun war alles vorbereitet: Hier herunten waren wir vor jedem Sturm gut geschützt und sicher, 1000 Meter höher war auf halben Weg zum Gipfel ein kleines Zelt für Notfälle deponiert, und nach einem Rasttag würden wir wohl auch ausgeruht und genügend akklimatisiert für den Gipfel sein. Es hieß also nur mehr: Warten! Auf den perfekten Tag!

Der Rasttag verging schnell, denn auch an einem solchen Tag gab es eine Menge zu tun. Ich nützte die Zeit zum essen, fotografieren, und um einen Blick in die Lager der anderen Expeditionen zu werfen. Langweilig wurde mir nie. Es gab viel zu sehen und zu erfahren und auch das war für mich schon immer eine der faszinierenden Seiten solcher Expeditionen: Andere Bergsteiger kennenzulernen und zu sehen, wie sehr sich Bergsteigen in verschiedenen Ländern in Kleinigkeiten unterschied. Als ich abends im Zelt lag , hatte ich aber alle meine Gedanken auf den morgigen Gipfelgang konzentriert und am liebsten wäre ich gleich los gegangen.

Um drei Uhr morgens warfen wir unsere Benzinkocher an. Um diese Uhrzeit zu kochen und zu essen war für mich schon immer eine der härtesten Herausforderungen während solcher Abenteuer. Und auch dieses Mal quälte ich mich um wenigsten ein paar Bissen hinunterzubringen. Aber es gelang. Immerhin. Um vier Uhr morgens stiegen wir los. Der Himmel war wolkenlos. Doch es war eisig kalt. Weit draussen leuchteten Mt. Hunter und Mt. Foraker in glühendem Rot der tiefstehenden Sonne und ich staunte über das einzigartige Farbenschauspiel. Die ersten Schritte fielen mir noch schwer, aber bald hatte ich einen guten Rhythmus. Wir waren die einzigen Bergsteiger in der Flanke und auch im Med Camp, das bald weit unter uns lag, rührte sich nichts. Als wir die West Butress erreichten, bemerkte ich zum ersten Mal, dass von Osten hohe Wolken heranzogen. Noch dachte ich mir nichts dabei, und wir stiegen weiter. Doch schon eine viertel Stunde später war der Himmel grau in grau bedeckt und bald fing es an zu schneien. Hin und wieder schien noch ein wenig Blau vom Himmel durch die Wolken und so wollten wir noch nicht aufgeben. Eineinhalb Stunden später im High Camp war die Sicht gleich Null. Einige der Bergsteiger, die hier heroben bereits seit sechs Tagen warteten, brachen nun ihre Zelte ab. Unter ihnen war auch Sepp Hinding aus Weyer, der zweite Österreicher, der den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff besteigen konnte. Er hatte im gestrigen Schönwetterfenster den Gipfel erreichen können, aber jetzt wollte er auch nur mehr hinunter. Wir hingegen wollten die Flinte noch nicht ganz ins Korn werfen und warteten zu viert in einem winzig kleinen Zweimannzelt, das uns zwei tschechische Bergsteiger überlassen hatten, noch eine Stunde ab. Dann war es für Michael und Gottfried vorbei. Sie stiegen ins Med Camp zurück. Gerhard und ich hatten aber immer noch einen Funken Hoffnung in uns, und so begannen wir die Traverse zum Denali Pass. Eigentlich sahen wir überhaupt nichts und immer wieder sanken wir tief im Schnee ein. Wir wechselten einander beim Spuren ab und langsam kamen wir so vorwärts. Je weiter wir aber stiegen, desto riskanter wurde das alles. Irgendwann war auch die Lawinengefahr nicht mehr wegzuleugnen und dann liessen auch wir es bleiben. 750 Meter unter dem Gipfel kehrten wir um. Ohne Zweifel, ohne mit unserem Schicksal zu hadern, ohne „vielleicht, wenn und aber“. Die Entscheidung war klar und richtig. Für beide von uns. Ein erster Versuch war gescheitert. Mehr war nicht passiert.

Am nächsten Tag wollten wir rasten und uns von dem anstrengenden Aufstieg, immerhin waren es 1.300 Höhenmeter bis weit über 5.000 Meter gewesen, erholen. Je länger wir aber rasteten, desto besser wurde das Wetter. Der Sturm in der Gipfelregion legte sich, die Schneefahnen wurden immer kürzer, bis sie schließlich ganz verschwanden, und der Himmel blieb makellos blau und klar. Und irgendwann war es klar, dass dies ein Gipfeltag wurde. „Was tun?“ war jetzt die Frage. Weiter rasten und darauf hoffen, dass morgen auch noch ein solcher Tag sein würde? Oder sollten wir alles auf eine Karte setzen, und trotz der Müdigkeit in unseren Knochen sofort wieder aufsteigen. 2.000 Höhenmeter bis zum Gipfel waren ohnedies schon ein ungeheure Etappe. Und das zu schaffen, wenn wir nicht hundert prozentig ausgerastet waren, war alles andere als eine sichere Sache. Ich wusste aber, manchmal musste man eine Gelegenheit beim Schopf packen und „einen Sack zumachen“. So nannte ich das oft und gerne, und so machten wir es dann auch, nachdem wir alle gut darüber nachgedacht hatten. Um kurz nach zwei Uhr nachmittags stiegen wir in die Flanke unter der West Butress ein.

In weniger als zwei Stunden „rauschten“ wir zu den Felsen der Butress hinauf und stellten zufrieden fest, dass wir noch nie zuvor so schnell gewesen waren. Das Wetter war herrlich geblieben. Nein, es schien, als hätte es sich sogar noch verbessert. Gut so! Ich war voller Auftrieb und meine Müdigkeit hatte ich längst total vergessen. Auf dem Grat stieg ich viele Passagen doppelt da ich meine Freunde aus allen möglichen Perspektiven bei ihrem Aufstieg filmen und fotografieren wollte. Tief unter uns lag eine geschlossene Wolkendecke und die Bilder und Ausblicke hier heroben auf dem Grat waren einzigartig schön. Um halb sechs Uhr abends standen wir 5.200 Meter hoch im High Camp. Wir wussten, dass wir in die Nacht hineinsteigen mussten, und das diese je höher wir kamen, immer kälter werde würde. Also zogen wir uns hier alles an Kleidung an, was wir in unseren Rucksäcken mit heraufgetragen hatten. Leider war das auch der Augenblick, in dem Michael für sich die Entscheidung traf, umzukehren. Vielleicht war ihm der Berg zu hoch und alles zusammen „zu groß“. Ich wusste es nicht, doch ich wusste, dass es nicht gut wäre, auf so einem Berg jemanden zum weitergehen zu überreden. Die Verabschiedung war natürlich traurig für uns alle, doch Michael wünschte uns für unseren weiteren Aufstieg wirklich von Herzen alles Gute. Dann stieg er ab.

Wir nahmen also nur mehr zu dritt die Traverse in den Denali Pass in Angriff. Was gestern bei dem schlechten Wetter mit jedem Schritt unheimlicher wurde, war einen Tag später unter dem blauen Himmel Alaskas das reinste Vergnügen. Bald hatten wir die Stelle passiert, an der Gerhard und ich gestern umkehren mussten, und wenig später standen wir auch auf dem Denali Pass. 5.500 Meter hoch. 700 Meter unter dem Gipfel. Nun gab auch Gottfried auf. Ich konnte gar nicht recht verstehen warum, denn eigentlich war ich mir sicher, dass er bis hierher gut gestiegen war. Aber auch ihn wollte ich nicht zu irgendetwas überreden, was er nicht aus sich heraus wirklich wollte. Absteigen konnte er aber noch ganz alleine, da war er sich völlig sicher. Irgendwie schien ihm nur der innere Antrieb zu fehlen, die Strapazen, die nun langsam auf uns zukamen, zu ertragen. Gottfried machte noch ein Foto von Gerhard und mir, dann verabschiedete auch er sich von uns.

Jetzt waren wir nur noch zu zweit. Es ging auf halb neun Uhr abends zu aber die Sonne stand noch immer hoch über dem Horizont. Wir begannen in eine herrliche Nacht, in der die Sonne nie untergehen würde, hineinzusteigen, und ich war überglücklich. Ich hatte das Gefühl, noch immer über sehr viel Kraft zu verfügen und der Aufstieg bereitete mir eine unglaubliche Freude. Über nicht allzu steile Hänge ging es weiter aufwärts. Das Vergehen der Zeit bemerkte ich nur noch daran, dass unsere Schatten immer länger wurden. Das Eis leuchtete immer rötlicher und nicht ein Lüftchen rührte sich. Das war der perfekte Gipfeltag. Oder besser: die perfekte Gipfelnacht!

Um halb elf Uhr nachts fehlten uns nur noch 200 Höhenmeter zum höchsten Punkt. Wir liessen gerade das ebene Plateau des sogenannten „Football Fields“ hinter uns und waren uns nun fast sicher, dass wir den Gipfel erreichen würden. Die letzte Stunde unseres Aufstiegs wurde für mich schließlich die großartigste der ganzen Expedition.

Das Eis des Berges „glühte“ im warmen, roten Licht der Sonne, die den Horizont nun fast schon berührte. Schritt für Schritt stiegen wir höher, und obwohl der Gipfel noch nicht zu sehen war, konnten wir seine Nähe schon fühlen. Wir folgten einem scharfen, manchmal überwechteten Eisgrat, der nach rechts in die über 3.000 Meter tiefe Südwand abbrach. Tief unter uns lag eine Eiswüste, die scheinbar unendlich weit in das Land hinausreichte. Miteinander machten wir die allerletzten Schritte zum Gipfel hinauf, den wir gleichzeitig betraten. Es war der 3. Juni, 23.45 Uhr und es hatte minus 46 ° C. Wir umarmten uns, dann fotografierten wir uns gegenseitig auf der höchsten Spitze des Denali. Gerhard stieg nach wenigen Minuten wieder ab, während ich selbst noch eine Weile blieb, nur da stand, und über die Schönheit dieser Welt staunte. Und als ich später selbst die ersten Schritte hinunter machte, tauchte am Himmel ein erster heller Stern auf.

 

Nur 21 Stunden später (!) hatten wir den gesamten Abstieg vom Gipfel des Denali bis ganz hinunter geschafft, und saßen 4.000 Meter tiefer neben der Landepiste im Eis des Gletschers. Am nächsten Tag frühmorgens konnten wir mit dem ersten kleinen Flugzeug den Gletscher verlassen und zurück in die Zivilisation fliegen. Wir hatten für Auf- und Abstieg – alles zusammen – nur 11 Tage gebraucht. Am Anfang hatten wir auch die Schlechtwettertage genützt. Dann hatten wir Glück mit dem Wetter, aber auch das Herz ohne Rasttag sofort noch einmal aufzusteigen. Und am Ende gleich nach dem Gipfel den ganzen Abstieg in nur 21 Stunden zu bewältigen, war noch eine kleines Kunststück, das ich mir selbst kaum erklären kann. Wie auch immer: Ein großes Abenteuer liegt hinter mir. Der Denali ist gut gelungen. Alle vier sind wir wieder gesund herunter gekommen. Zwei von uns waren sogar auf dem Gipfel. Und die anderen beiden sind mit dem was sie erreicht haben, ebenso glücklich und zufrieden. Die Stimmung während unserer Reise war ausnahmslos gut und wir würden jederzeit wieder gemeinsam eine Expedition unternehmen. Zu meinem nächsten Ziel auf dem Weg zu den „Seven Summits“, dem Mount Vinson in der Antarktis, werde ich allerdings aufgrund der enorm hohen Kosten, die diese Expedition verschlingen wird, ohne meine drei guten Freunde aufbrechen müssen. Ich fürchte, ich werde der einzige sein, der bereit ist, für „nichts weiter als einen Berg“ so große finanzielle Opfer zu bringen. Nichts desto trotz träume ich schon heute davon, die Antarktis zu bereisen, ihre Tiere – von den Walen bis zu den Pinguinen – zu beobachten, und auf den Spuren einiger der berühmtesten Forscher, die es jemals gegeben hat, zu wandeln. In eineinhalb Jahren....vielleicht....wir werden sehen. Im Moment einmal, ist es ein Traum. So wie es der Denali vor einem Jahr auch noch gewesen ist.