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Russland, Elbrus 5.642 m, Expeditionsbericht

 

 

Mit neun guten Freunden bin ich nach Russland aufgebrochen. Unbekanntes, abenteuerliches Land – was würde uns hier erwarten? Wir waren eine außergewöhnliche Truppe – Junge und Alte, Männer und Frauen, Pensionisten und Piloten. Für manche sollte der Elbrus ihr erster Fünftausender werden, andere haben im Himalaya sogar schon viel höhere Berge bestiegen. Wir waren also eine illustre, bunt gemischte Runde.

 

In den ersten Tagen genossen wir das herrliche Wetter, und akklimatisierten uns in den umliegenden Bergen. Bei dem Aufstieg auf die Cheget-Kuppel hatten wir die ganze Zeit über einen herrlichen Ausblick auf unser Ziel – den Elbrus. Mit 5.642 Meter Höhe ist sein Westgipfel der höchste Berg Europas, und von hier aus konnten wir uns auch über die gesamte Route einen sehr guten Überblick verschaffen. Sie sah technisch nicht schwierig aus, aber 1.900 Meter Aufstiegshöhe waren Herausforderung genug.

 

Am nächsten Tag erwartete uns das erste große Abenteuer. Mit der Seilbahn schwebten wir von Azau, einem winzig kleinen Dorf im Tal, auf die Hänge des Elbrus. Die Seilbahn war in einem, für unsere Begriffe, ziemlich bedenklichen Zustand. Am Anfang wunderten wir uns noch, warum gar kein Gondelführer mitfährt, doch spätestens bei der Mittelstation wussten wir warum. Das Risiko war wahrscheinlich sogar einem Russen zu hoch. Rudi hatte zum Spaß begonnen eine Liste zu schreiben – mit all jenen Dingen, die hier nicht funktionierten oder irgendwelche Mängel aufwiesen. Sie reichte von tropfenden Wasserhähnen (klassisch) bis hin zu fehlenden Balkongeändern im dritten Stock des Hotels. Und jetzt kam eben auch noch die Türe der Seilbahngondel dazu, die sich nicht schließen ließ. „Auch schon egal!“ fanden wir, und vertrauten weiterhin auf unser Glück. Zu diesem Zeitpunkt waren wir aber noch nicht mit dem Sessellift weiter oben gefahren...

 

Doch auch diese Fahrt überstanden wir heil, und so erreichten wir, ohne noch einen Schritt getan zu haben, eine Höhe von 3.800 m. Hier stand das sogenannte Tonnenlager. Zehn kleine Hütten, jede in der Form einer liegenden Tonne. Für mich blieben sie für den Rest der Reise „die Blechdosen“, und ich zog es vor in meinem Zelt zu schlafen. An diesem Tag lernten wir den ersten Teil der Route kennen. Manche stiegen sogar bis 4.600 Meter auf, und hatten damit schon fast die Hälfte des Weges bis zum Gipfel hinter sich gebracht.

 

Alle waren guter Dinge und fast ein wenig euphorisch, weil bisher alles so glatt lief, doch am nächsten Tag war das Wetter schlecht. Jetzt hieß es warten und Geduld haben. Für drei von uns war das gar nicht einfach, denn sie hatten insgesamt nur eine Woche Zeit. Ihnen blieben also nur mehr drei Tage. Den ersten davon verbrachten sie mit uns anderen im Tal, den zweiten – an dem ihr erster Gipfelversuch im Schneesturm scheiterte - in den Blechdosen, und am dritten Tag schafften es zwei von ihnen, bei sehr stürmischem Wetter, tatsächlich bis zum Gipfel. Als sie wieder herunten waren, blieb kaum Zeit ihren Erfolg zu feiern, denn noch am selben Abend fuhren sie mit dem Bus die 300 Kilometer nach Mineralnyvody, von am nächsten Morgen schon ihr Flug nach Hause ging. Für sie war das Abenteuer also zu Ende – unseres fing gerade erst an!

 

Das Wetter wurde besser, und nun war es an uns, diese Chance zu nützen. Zu fünft schwebten wir mit der Seilbahn wieder den Blechdosen entgegen – von der Fahrt gibt es ein witziges Bild, das meine Freunde mit ängstlichen, recht ernsten Gesichtern zeigt. Aber alles ging gut. Schon um 7 Uhr lag ich in meinem Zelt, und versuchte ein wenig zu schlafen, denn um halb zwei Uhr morgens wollten wir aufbrechen. Pünktlich gingen wir los. Es war eine sternenklare, eiskalte Nacht und wir stiegen zu viert, gleichmäßig und zügig bergauf. Die Route war leicht zu finden, denn das Licht des Mondes schien hell auf die Eishänge des Elbrus. Nach kaum mehr als nur zwei Stunden erreichten wir die Pastuchov-Felsen. Hier hatten wir 800 Höhenmeter geschafft. Bis hierher waren wir zusammen geblieben, doch nun sah ich, dass es allen gut ging, und dass ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Also entschied ich mich, von nun an mein eigenes Tempo zu gehen und vorauszusteigen. Sepp und Werner blieben zurück. Einzig Walter hielt mein Tempo mit. Manchmal stieg er sogar schneller als ich, aber der Abstand zwischen uns beiden wurde nie so groß, dass wir uns aus den Augen verloren. Langsam ging im Osten die Sonne auf. Ich hatte eiskalte Füsse und hoffte, dass es bald wärmer wurde, doch das sollte noch lange dauern.

 

Wir waren längst über die 5000m-Grenze hinausgestiegen und näherten uns schon dem Sattel. Von dort galt es noch die etwa 300 Meter hohe Gipfelflanke zu durchsteigen. Jetzt wurde Walter etwas langsamer, doch ich war noch gut bei Kräften, und während ich an ihm vorüberstieg, fotografierte ich ihn eingie Male. Etwas später, um 07.04 Uhr betrat ich alleine den Gipfel. Für meinen Aufstieg hatte ich genau 5 Stunden 34 Minuten gebraucht. Zehn Minuten später war auch Walter bei mir. Er blieb aber nur wenige Minuten, wir machten ein paar Bilder, und dann stieg er sofort wieder ab. Ich blieb fast eine ganze Stunde auf dem höchsten Punkt, blickte in alle Richtungen und genoss den unglaublichen Ausblick über den Kaukasus. Je länger ich blieb, desto stärker wurde der Sturm, also machte auch ich mich schließlich an den Abstieg. Ich beeilte mich nicht, denn das Wetter schien gut zu bleiben, und ich fragte mich, wo wohl Sepp und Werner geblieben waren.

 

Ich hatte den Sattel fast schon wieder erreicht, da erkannte ich Werner. In seiner roten Jacke stieg er langsam aufwärts. Von Sepp und Walter war nichts mehr zu sehen. Ich überlegte kurz, dann setzte ich mich in den Schnee und wartete auf meinen Freund. Ich beobachtete ihn, wie er in einem gleichmäßigen Rhythmus einen Fuss vor den anderen setzte. Nur langsam kam er näher, und jetzt hatte auch er mich erkannt. Als er bei mir angekommen war, umarmten wir uns kurz, und in diesem Augenblick fasste ich den Entschluss, noch einmal mit ihm auf den Gipfel zu steigen. Ja, ich würde ihn begleiten, denn ich wollte nicht, dass er ganz alleine dort oben stehen würde. Ganz alleine mit seiner Freude, ohne sie teilen zu können. Bei den ersten Schritten wieder aufwärts merkte ich doch meine Müdigkeit von dem langen und schnellen Aufstieg, aber ich merkte auch: Es ging schon!

 

Werner hatte Tränen in den Augen. Der Gipfel war nur mehr einen Steinwurf weit entfernt, und dann hatte er es geschafft. Seine Freude war grenzenlos. Inzwischen hatte sich der Sturm zu einem richtigen Orkan gesteigert. Es war fast unmöglich auf dem Gipfel aufrecht zu stehen, denn der Wind warf einen sofort um. Wir blieben diesmal also nur kurz, dann stiegen wir ab. Werner war müde, ich auch, und so beeilten wir uns gar nicht sonderlich. Das Wetter war gut genug – wir mussten uns wirklich nicht hetzen.

 

Ich hatte den Gipfel also erreicht. Noch dazu in einer sehr schnellen Zeit, die mich sehr zufrieden machte. Tags darauf bestiegen auch Rudi und Vera den Gipfel, und noch zwei Tage später schaffte es auch Sepp, der bei seinem ersten Versuch am Sattel umgekehrt war. Blieb nur Michi, die noch nicht oben gewesen war. Ich hielt mein Versprechen ihr gegenüber, und begleitete sie bei ihrem Aufstieg, und half ihr wo ich nur konnte. Ich blieb die ganze Zeit über bei ihr, und wir stiegen immer gemeinsam. Auch sie erreichte so den Gipfel. Es war ihr erster Fünftausender, und sie konnte es kaum fassen, dass sie dort oben stand und es tatsächlich geschafft hatte.

 

Was mich selbst betraf, bestieg ich den Gipfel des Elbrus in diesen zwei Wochen also „zweieinhalb“ Mal. Einmal davon in 5 h 34 min – also sehr schnell. Aber ganz abgesehen von diesen vielleicht guten „bergsteigerischen“ Erfolgen, machte es mich glücklich, dass ich für einige meiner Freunde doch ein wenig dazu beitragen konnte, dass auch sie den Gipfel erreichten. Das war für mich ein besonders schönes Gefühl und ich möchte es nicht missen. Auch nicht missen möchte ich das Unterwegssein mit meinen Freunden. Mit jedem einzelnen von ihnen, hat es einen Riesenspaß gemacht, auf Reisen zu sein, und ich hoffe sehr, dass dieses Abenteuer irgendwann, und irgendwo weiter geht...

 

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