www.gerhardosterbauer.com
www.gerhardosterbauer.com

Karakorum, Gasherbrum II 8.035 m, Expeditionsbericht

 

„Glück muss man haben“ dachte er, und schaltete das Licht seiner Stirnlampe aus. Von einer Sekunde zur anderen wurde es finster, und es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann konnte er die Kuppel des Zeltes in dem er lag ausmachen, und auch einige Kleinigkeiten die herumlagen erkennen. Seine Augen brannten wie Feuer, denn wie so oft, war er wieder einmal zu sorglos mit dem grellen Licht der Sonne umgegangen, und hatte keine Brillen aufgesetzt. Nun bekam er die Rechnung dafür präsentiert. Müde und erschöpft lag er da, ausgelaugt und ausgedörrt sein Körper, und dennoch war er zufrieden. Er hatte was er wollte.

 

Seit bald fünf Wochen war dieses kleine Zelt am Ende des Abruzzigletschers sein zuhause. Hier schlief er, las er, schrieb er, und hierher kehrte er immer wieder zurück, wenn ihn das schlechte Wetter vom Berg vertrieb. Es war das einzige kleine Stückchen Privatsphäre, das er hatte, und ein Ort an dem er sich nicht selten die Frage stellte, was einen Menschen dazu trieb, seine Träume bis hierher, an das sprichwörtliche Ende der Welt zu tragen. Die wahre Antwort blieb es sich schuldig. Bis zum Schluss.

 

Neun Tage lang war er mit seinen Freunden gemeinsam entlang des Braldo und später auf dem Baltorogletscher durch eine schier unglaubliche Bergwelt gewandert. Vorbei an so berühmten Gipfeln wie den Trango Towers, dem K 2, dem Broad Peak, und unter der Westwand des Gasherbrum IV hindurch. All diese Berge, die vor ihm über viertausend Meter hoch in den Himmel wuchsen, machten ihn staunen und sprachlos. Er hatte in seinem Leben schon viele Berge gesehen, doch diese hier waren einzigartig, und so erreichte er nach seinem gut hundert Kilometer langen, staubigen und steinigen Weg, das Basislager seines Berges. Der Gasherbrum II war einer von nur vierzehn Gipfeln dieser Welt, die über 8.000 Meter Höhe hinausragten, und an ihm Erfolg zu haben, würde grosses Glück bedeuten. Doch er hatte viel und fleissig trainiert, war gut vorbereitet, und so durfte er zumindest hoffen.

 

Das Wetter war herrlich. Weit und breit war keine Wolke zu sehen, und ein makellos blauer Himmel spannte sich über die weissen Eisgipfel des Karakorums. Nach zwei Rasttagen schließlich, machte sich also eine erste Gruppe auf, um einen Weg durch den Eisbruch zu finden. Beinahe neunhundert Meter war dieses erste Bollwerk des Berges hoch, und auf einer Strecke von acht Kilometern erstreckte sich in ihm ein unglaubliches Labyrinth aus tausenden und abertausenden abgrundtiefen Gletscherspalten. Und jede einzelne bedeutete Gefahr und Risiko. In einer klirrend kalten Nacht, in der eisiger Frost den ganzen Eisbruch bewegungslos erstarren ließ, stiegen sie zum ersten Mal auf. Doch es war nicht einfach, einen Weg durch diesen Irrgarten aus Schnee und Eis zu finden. Wo sollte man anfangen, und in welche Richtung musste man gehen? Zudem war es auch nicht ungefährlich. Haushohe Eisblöcke standen einsturzbereit neben der Aufstiegsspur, riesige, vollkommen zerrissene Gletscherfelder waren zu überqueren, und niemand wusste so recht, was im nächsten Augenblick passieren würde. Dieses Gelände war unberechenbar. Als unser Abenteurer gute sechs Stunden später auf 5.950 Meter Höhe im Lager I sein Zelt aufstellte, empfand er Respekt, aber auch Faszination für diese unwirkliche Landschaft, die er gerade hinter sich gelassen hatte. Wie so vieles im Leben, hatte also auch dieser Eisbruch zwei Seiten. Als er das Zelt schließlich sicher im Eis befestigt hatte, machte er sich mit den anderen auf, um über den selben Weg wieder abzusteigen. Er wusste nicht recht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht, doch er hatte ohnehin keine Wahl, also nahm er es hin wie es war.

 

Auch die nächsten Tage über blieb das Wetter noch gut. Der Wind in der Höhe blies beständig aus Norden, und solange das so blieb, würde weiterhin die Sonne scheinen. So viel war sicher. Ein paar Tage später stand in 6.500 Metern Höhe ein weiteres kleines Lager, und alles sah nach einem völlig reibungslosen Ablauf der Expedition aus. Zu reibungslos vielleicht, denn eines Morgens trieb der Wind, zum Erstaunen aller, die Wolken am Himmel aus Süden vor sich her. Was folgte waren drei Wochen mehr oder weniger unbeständiges Wetter. Zehn Tage davon waren sogar so schlecht, dass sie in dieser Zeit das Basislager kein einziges Mal verlassen konnten. So mancher hatte kaum noch Hoffnung, doch in Wahrheit war noch nichts verloren. So dachte zumindest unser Abenteurer. Irgendwann würde das Wetter wieder besser werden. Es war unmöglich, dass es vier Wochen hindurch nicht eine einzige Schönwetterphase von mehr als zwei Tagen gab. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein. Diese Theorie legte er sich zurecht. Sie wurde unumstösslich für ihn, doch ob sie sich bewahrheiten würde, das wusste er freilich nicht. Niemand wusste das, aber zumindest war sie etwas, woran man sich festklammern konnte. Die Tage zogen vorüber, und längst war die gesamte Umgebung des Basislagers restlos ausgekundschaftet. Im Umkreis von wenigstens zwei Kilometern war ihm kein Stein mehr fremd. Die wenige übrig gebliebene Zeit aber rann wie Sand durch seine Finger. Er konnte sie nicht aufhalten. Manche der anderen Expeditionen holten ihre Segel ein und verliessen entmutigt das Basislager. Sie sagten, es sei ein schlechtes Jahr, und man konnte die Dinge nicht zwingen. Das wollte er auch gar nicht, aber er hoffte eben immer noch. Als die ersten gingen sah er ihnen ein wenig wehmütig nach. In ein paar Tagen schon würden sie die Zivilisation wieder erreichen. Sie würden duschen können, in einem Bett schlafen, und und bald darauf würden sie wohl auch ihre Heimat wieder erreichen. Ein Teil von ihm wäre wohl gerne mitgegangen, aber irgendetwas ließ ihn bleiben. War es der Berg? Die Hoffnung? Sein Traum? So genau wusste er es nicht, wahrscheinlich aber war es all das zusammen.

 

Zehn Tage verstrichen also ungenützt. Das Wetter war schlecht, und ließ alle warten. Als es schließlich auch am elften Tag nicht besser war, hielt es aber keiner mehr aus. Es musste endlich etwas geschehen! Irgendetwas. So kam es, dass man in der darauffolgenden Nacht eine kleine Lichterkette sah, die Richtung Eisbruch stieg. Die Sicht war schlecht, dichter Nebel, aus dem da und dort ein paar Schneeflocken fielen, hing über dem zerrissenen Gletscher, und die Stimmung war gespenstisch. Es war finster, denn die Wolken schluckten das fahle Licht des Mondes. Nur hin und wieder hörte man das Krachen und Ächzen des träge dahin fließenden Eises im Gletscherbruch, doch ansonsten war es völlig still. Während er so wieder stundenlang einen Fuß vor den anderen setzte, vorsichtig über heikle Schneebrücken schlich, und manchmal in gewagt weiten Sprüngen über so tiefe Gletscherspalten sprang, versuchte er nicht allzu viel darüber nachzudenken, ob sein Tun irgendeinen Sinn ergab. Das Wetter war so schlecht, wie an all den vorangegangenen Tagen auch, und so gesehen, hätte er schon vor einer Woche aufbrechen können, doch aus irgendeinem Grund hatte er es nicht getan.

 

Je länger er mit seiner Seilschaft aufstieg, desto dichter wurden Nebel und Schneetreiben, und als nach den üblichen sechs Stunden Lager I erreicht war, hatte wohl keiner, auch er nicht, allzu große Hoffungen und Erwartungen für den nächsten Tag. Aber immerhin, man war einmal hier. Wenn auch das Basislager weit mehr Bequemlichkeit bot, als diese Ansammlung kleiner Zelte mitten auf dem riesigen Gletscher, so ließ es sich eine Weile doch ganz gut aushalten. Zumindest vier oder fünf Tage wollte er hier ausharren, und auf gutes Wetter warten, denn dies war ein weitaus günstigerer Ausgangpunkt um im Fall einer Wetterbesserung einen Gipfelversuch zu starten. Den Nachmittag verbrachte er damit, dass er für sich und seinen Freund Unmengen von Schnee schmolz, und Tee und Suppe kochte, während es draussen weiter schneite. Später, als sich langsam die Dämmerung über den Berg senkte, lag er in seinem Schlafsack, und dachte darüber nach, ob er nicht vielleicht sogar einen sechsten Tag hier heroben aushalten würde.....

 

Um ein Uhr morgens riss ihn das Piepsen seiner Uhr unsanft aus dem Schlaf. Widerwillig öffnete er den Zelteingang, um nach dem Wetter zu sehen. Eisig kalter Schnee fiel ihm vom Vordach auf seine blossen Hände, und die Kälte des Frostes schmerzte ihn. Doch er konnte kaum glauben, was er sah. Am nachtschwarzen Himmel funkelten tausende und abertausende von Sternen! Keine Wolke war mehr zu sehen, und der Mond warf sein Licht in die riesigen, frisch verschneiten Flanken des Berges, sodass diese hell leuchteten, und man meinen konnte, es sei Tag. Er war fassungslos und überglücklich. Er wäre bereit gewesen, tage- und nächtelang hier heroben auf diesen Augenblick zu warten, doch dass er seine Chance so rasch bekommen würde, damit hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Übermütig packte er seine Sachen, und kaum eine Stunde später schon, stand er am Einstieg in den Südwestpfeiler des Gasherbrum II. Mehr als tausend Meter hoch ragte der Pfeiler vor ihm, immer etwa 45° steil, in die Höhe. Über seinen Rücken führte der Anstieg, dem sie alle folgen wollten. Mit zwei seiner Kameraden erreichte er ein erstes Fixseil. Er bereitete die letzten Kleinigkeiten für den Aufstieg vor, ließ seinen Jümarbügel in das Seil einschnappen, und blickte die Eiswand über ihm hinauf. Der schmale Lichtkegel seiner Stirnlampe verlor sich jedoch bald in den riesigen Dimensionen der Wand, und viel mehr als die nächsten vier oder fünf Meter waren nicht auszumachen. Es war zwei Uhr und zehn Minuten, als er mit der Kletterei begann.

 

Gleich der erste Aufschwung des Pfeilers war gut 50° steil. Ein ziemlich ruppiger Beginn, aber er fühlte sich wohl, und kam auch gut voran. Jeder ging sein eigenes Tempo, und so kam es, dass sie bald nicht mehr beisammen kletterten. Allein stieg er in der Dunkelheit an den fixierten Seilen aufwärts. Hin und wieder donnerten in der Wand rechts von ihm einstürzende Seracs in die Tiefe, doch sie waren weit entfernt und bedeuteten keine Gefahr. Ansonsten war für ihn nichts zu hören, außer seinem Atem und seinen Steigeisen, die er gleichmäßig und in einem guten Rhythmus ins Eis stiess. Das Licht seiner Lampe und diese Geräusche waren das einzige, was seine Sinne in den nächsten Stunden aufnahmen. Sah man davon ab, war sein Kopf leer. Er konzentrierte sich auf den nächsten Schritt. Nichts sonst. An mehr dachte er nicht. Selbst der Gipfel war ihm keinen Gedanken wert. Er war noch so weit entfernt, dass es sich nicht lohnte, sich über ihn den Kopf zu zerbrechen.

 

Bei Sonnenaufgang hatte er das Ende des ersten Pfeileraufschwunges erreicht. Die schwierigsten und steilsten Passagen des gesamten Aufstiegs – einige wenige kamen knapp an 70° Steilheit heran – hatte er nun hinter sich, und aus einer Höhe von bald 6.500 Metern sah er hinunter an den Beginn des Eisbruches von wo aus er gestern aufgebrochen war. Er wunderte sich, wie groß die Distanz war, die man in einem Tag zu Fuss zurücklegen konnte, und stieg weiter. Bald waren auch die Zelte des kleinen Zwischenlagers erreicht. Er packte ein paar dort hinterlegte Ausrüstungsgegenstände in seinen Rucksack und machte sich an die letzten 400 Höhenmeter die an diesem Tag noch vor ihm lagen. Die 40 ° steilen Hänge über ihm erschienen ihm wie ein endloser Ozean auf Schnee und Eis. Es bedurfte eines starken Willens hier nicht unterzugehen, doch am späten Vormittag hatte er es geschafft. Nur wenige Meter unter Lager II erreichte er einen schmalen Felsgrat über denn er weiter aufwärts stieg. Das Gelände hier war kaum anspruchsvoller als ein leichter II. Schwierigkeitsgrad, aber er war trotzdem konzentriert in seine Kletterei vertieft. Auf einmal aber prallte er entsetzt zurück! Was er sah, ließ ihm einen solchen Schreck in die Gleider fahren, dass er beinahe gestürzt wäre. Vor ihm lag ein Toter! Der leblose, halb vereiste, halb verweste Körper, lag quer über den Grat, und es gab kaum eine andere Möglichkeit, als mit einem großen Schritt über den Leichnam hinweg zu steigen. Anfangs zögerte er, und das Grauen packte ihn. Er hatte nie zuvor in seinem Leben einen Toten gesehen, und auf diese völlig unerwarte Konfrontation mit dem Schicksal war er in keiner Weise vorbereitet gewesen. Er versuchte links und rechts in den Felsen vorbeizuklettern, um den Grat ein Stück weiter oben wieder zu erreichen, und um die letzte Ruhe dieses Menschen nicht zu stören, doch er musste bald einsehen, dass ihm dieser unheimliche Schritt wohl nicht erspart bleiben würde. Also brachte er ihn hinter sich. Bei dem Gedanken an die letzten Stunden des Toten – er war offensichtlich hier erfroren, oder an Erschöpfung gestorben – schnürte es ihm die Kehle zu. Er ahnte, dass dies ihnen allen passieren konnte. Hier heroben war man so verwundbar, wie an wenigen anderen Orten auf dieser Welt, doch er wusste diese Tatsachen auch gut zu verdrängen. Zehn Meter weiter oben blickte er noch einmal zurück, nahm nur mehr ein paar Stoffetzen wahr, die im Schnee lagen, und die Silhoutte des Toten wurde schon undeutlicher. Dann begrub er das Gesehene irgendwo tief in seinem Unterbewusstsein, denn die Gedanken daran – dessen war er sich sicher – würden ihm Angst und eine schlaflose Nacht bereiten. Beides konnte er jedoch nicht gebrauchen. Dies war eine rüde und harte Art zu fühlen und zu empfinden. Eine Eigenschaft die er an sich eigentlich gar nicht kannte, doch hier war alles anders, und auch er war längst nicht mehr derselbe.

 

Er erreichte das Lager II und nach einer kurzen Rast fing er an, ein Zelt für sich und seinen Freund aufzustellen. Eine harte und anstrengende Arbeit in beinahe 7.000 Metern Höhe, doch er war gut bei Kräften. Nach und nach erreichten seine Kameraden, und auch die Teilnehmer einer Schweizer Expedition und zwei sehr starke Italiener den Lagerplatz. Als schließlich alle da waren, war man sich einig, dass von hier aus direkt zum Gipfel aufgestiegen werden sollte. Auf das dritte Hochlager in 7.400 Metern Höhe wollte man verzichten, denn so würde man Zeit gewinnen. Niemand wusste, wie lange das Wetter so gut bleiben würde, doch morgen, das konnte man leicht erkennen, würde es bestimmt noch halten. Und diese Chance wollten sie nützen. Ihm war das nur recht, denn er wusste aus Erfahrung, dass er eine Gipfeletappe von 1100 Höhenmeter auch auf dieser Höhe schaffen konnte. Eigentlich war es ihm sogar ganz recht, denn er wusste auch, dass er die Nächte in den Hochlagern gar nie gut vertragen hatte. Also stellte er sich zufrieden darauf ein, dass sie um 23 Uhr zu kochen beginnen wollten, um dann um 1 Uhr nachts aufzubrechen. Später bestaunte er noch die herrliche Abendstimmung und machte sich bewusst, dass morgen der Tag war, an dem er alles geben musste. Für diesen Tag hatte er mehr als ein halbes Jahr lang hart trainiert. Jetzt galt es, die gewonnene Kraft auf den Punkt zu bringen und auszuspielen. Vor ihm lag der Tag, der die Entscheidung bringen würde. Er mochte dieses Gefühl. Auch der Druck machte ihm nicht zu schaffen. Im Gegenteil. Das Wissen, dass diese, seine einzige Chance auf den Gipfel sein würde machte ihn stark.

 

Die Nacht war wie immer in dieser Höhe eine Qual für ihn. Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere, ohne je wirklich Schlaf zu finden. Er döste vor sich hin und hoffte, dass die Zeit verging. Doch die Minuten wurden ihm zu Stunden. Es schien ihm wie eine Ewigkeit, bis er endlich zu kochen anfangen konnte. Er staunte, dass er diesmal sogar ein paar Bissen hinunter brachte, und trank so viel er nur konnte. Es schien nicht besonders kalt zu sein, und so entschied er sich, alles auf eine Karte zu setzen und auch die Daunenjacke hier zurückzulassen. Je leichter sein Rucksack war, desto leichter würden auch die 1100 Höhenmeter zum Gipfel sein. Und so lange er in Bewegung war, würden die – 20 ° C gut zu ertragen sein. „Es darf nur nichts dazwischen kommen“ dachte er, und ließ auch noch ein paar andere Sachen im Zelt zurück. Pünktlich um ein Uhr machte er sich gemeinsam mit all den anderen auf, und eine Stunde später stießen sie auf etliche alte Fixseile, die über die 300 Meter hohe Felsrippe über ihnen hinaufführten. Er benützte die alten Seile, wenn überhaupt, nur mit allergrößter Vorsicht, denn er hatte keine Ahnung wie lange sie hier schon hingen, und wie sicher sie überhaupt noch waren. Doch an der einen oder anderen Stelle ging es einfach nicht anders. Wie wahrscheinlich schon oft zuvor in seinem Leben, hatte er Glück. Die Seile hielten ihn. Als er bei Tagesanbruch schließlich jenes kleine Plateau auf 7.400 Meter Höhe erreichte, wo die meisten Expeditionen ein drittes Hochlager errichteten, machte er eine Rast und wollte etwas trinken. Doch kaum nahm er einen Schluck aus seiner Thermoskanne, spuckte er aus und musste fast erbrechen. Das Pulver, das er gestern in das Wasser gemischt hatte, musste verdorben gewesen sein, und nun war die ganze Flüssigkeit, die er mit hatte, ungenießbar. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er nun während des gesamten Aufstiegs und auch den ganzen Weg zurück zum Lager II ohne einen Tropfen zu trinken auskommen musste. Das war ein harter Schlag! Er überlegte. Er hatte das Gefühl, dass er auch das schaffen konnte, doch er wusste, dass die Gefahr Erfrierungen zu erleiden, damit gehörig anstieg. Er blickte in den Himmel. Die Sonne ging gerade auf, und es schien ein schöner Tag mit guten Wetter und wenig Wind zu werden. Also entschied er sich weiterzusteigen, doch er war nun selbst erstaunt, welches Risiko auf sich zu nehmen, er bereit gewesen war. Er rechtfertigte seine Entscheidung vor sich selbst damit, dass es ihm gut ging, er im Augenblick keine schlimme Kälte litt, und vorläufig noch alles unter Kontrolle war. Falls sich das änderte, konnte er immer noch absteigen und sich in Sicherheit bringen. Noch aber wäre es dazu zu früh gewesen, und ein Berg wie der Gasherbrum II war ohne einen gewissen Einsatz, und ohne ein gewisses Risiko ohnehin nicht mehr zu besteigen. Das hatte er schon vorher gewusst, und hatte sich auf diesen Handel eingelassen.

 

Vor ihm lag nun die Traverse unter der Gipfelpyramide. Es war vereinbart, dass sich die stärksten aus jeder Gruppe bei Tagesanbruch hier treffen sollten, um in einer möglichst großen Gruppe in dem hier manchmal knie- bis hüfttiefen Schnee unter den Felsen durchzuspuren. Lange Zeit funktionierte das sehr gut, und sie wechselten einander immer ab, und kamen so gut voran. Bei 7.700 Metern Höhe aber riss die Kette auseinander. Er war voraus, und vor ihm lag ein gut 80 Meter hoher Hang hinauf in eine Scharte. Er hätte warten können, bis die anderen da waren, hätte sie voraussteigen lassen können, um seine Kräfte zu schonen, doch irgendein Teufel ritt ihn, und er spurte den ganzen Hang alleine durch. Als er die Scharte erreichte, fühlte er sich zum ersten Mal an diesem Tag sehr müde, doch der herrliche Ausblick nach Norden, in die tief untern liegenden Ebenen Chinas, ließ ihn seine Müdigkeit fast vergessen. Er machte eine Rast, und ließ dann den anderen Vortritt. Er hatte mit diesem Hang viel geschafft, denn zum Gipfel fehlten nun nur noch 200 Meter. Er folgte in der Spur der beiden Italiener, die unglaublich kräftig waren, und ein hohes Tempo vorlegten. Doch nun bedeutete ihm schon selbst das nachsteigen hinter den anderen eine unglaubliche Anstrengung. Vielleicht hatte er sich in dem Hang vor der Scharte zu sehr verausgabt, vielleicht war es der Flüssigkeitsmangel der sich langsam bemerkbar machte, und wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Wie dem auch war, auf 7.900 Metern fühlte er sich plötzlich am Ende seiner Kräfte. Er war so müde und kraftlos wie selten zuvor, und dennoch bereitete ihm sein Zustand keine allzu großen Sorgen. Das Wetter war gut und würde bestimmt noch einige Stunden halten, und der Gipfel war nur mehr 100 Meter weit entfernt. In diesem Augenblick wusste er bereits, dass er es schaffen würde. Ja, er war sich dessen absolut sicher, denn er wusste, er hatte einen starken Willen, und dieser würde ihm helfen, diese Schwäche zu überwinden. Er stieg bewusst langsam weiter. Bei jedem Schritt atmete er vier mal ein und vier mal aus. Er visierte einen nahegelegenen Felsen an, und als er diesen passierte, suchte er sich ein weiteres nahegelegenes Ziel. So stieg er immer höher, und kam dem Ende des Gipfelhanges immer näher. Schließlich erreichte er eine allerletztes Fixseil. Er folgte ihm ein kurzes Stück nach links, und dann leitete es etwa 70° steil kerzengerade hinauf. So steil diese Meter auch waren, sie bereiteten ihm fast keine Anstrengung mehr, denn er wusste, dahinter würde die Plagerei ein Ende haben. Und so war es auch! Mit viel Vorfreude schwang er sich oben über die Eiskante und blickte hinüber zum Gipfel, der nun tatsächlich nur mehr einen Steinwurf weit entfernt lag. Er stand auf, packte seinen Pickel wieder bei der Haue und stieg die letzten Meter aufwärts. In ihm war nur noch Glück! Oben fiel er den Italienern in die Arme. Sie drückten sich aneinander so fest sie konnten, und vor lauter Freude weinten sie. Es war ein unbeschreiblicher Augenblick, und er wusste, er würde ihn nie vergessen!

 

Der Ausblick war fantastisch. Nicht weit entfernt standen die Gipfel des K2, des Broad Peak, und des Hidden Peak. Alle anderen Bergspitzen des Karakorums – und das waren tausende – lagen unter ihm, und er konnte sein Glück, hier zu stehen, fast nicht begreifen. Sein großer Traum war in Erfüllung gegangen. Eineinhalb Stunden lang blieb er auf dem 8.035 Meter hohen Gipfel des Gasherbrum II. Er hatte eine Zeichung, die ihm sein sechjähriger Sohn ins Basislager geschickt hatte, mit auf den Berg genommen, und bat nun die anderen, ein Photo von ihm zu machen. Mit dieser Zeichnung in der Hand. Dieses Bild wollter er seinem Sohn eines Tages schenken. Er erinnerte sich daran, dass er auch einen Stein vom Gipfel mit hinunter nehmen wollte, und so folgte er einem schmalen Eisgrat, bis er auf einen kleinen Felsen traf. Von dort brach er mit der Spitze seines Pickels ein kleines Stück Stein los, und steckte es in seine Tasche. Schließlich bemerkte er, dass die Wolken langsam aufstiegen, und so machte er sich schweren Herzens an den Abstieg.

 

Es fiel ihm nicht leicht, den Gipfel hinter sich zu lassen, denn er wusste ganz genau, dass hinter jedem Traum der sich für ihn erfüllte, immer auch eine gewisse Leere auf ihn wartete. Das war zwar verrückt, aber eine Tatsache. Schon bei den ersten Schritten talwärts, hatte er das Gefühl, als wäre irgendetwas ihn ihm gestorben. Und im Grunde stimmte das wohl auch. In der Scharte auf 7.800 Metern tauchte er in die Wolken. Dichter Nebel verschluckte ihn, und die Sicht wurde sehr schlecht. Das Licht war diffus, und die Steilheit der Spur war kaum mehr einzuschätzen. Unzählige Male fiel er hin, wenn er plötzlich mit einem Fuss tief im Schnee versank, und das Gleichgewicht verlor. Die Traverse erschien ihm nun, im Abstieg, als eine unbeschreibliche Quälerei., und so gerne er es vielleicht auch gewollt hätte, er durfte hier nicht einfach sitzen bleiben. Irgendwann erreichte er auf 7.400 Metern wieder seinen ersten Rastplatz. „Ein trostloser Ort“ dachte er sich. Überall lag Unrat herum, und vom Sturm zerfetzte Zelte waren zu dutzenden im Eis eingefroren. Er saß ein wenig verloren, ganz alleine eine Weile da, als einer der Schweizer vorbeikam, ihm ein paar Trockenfrüchte anbot, und ihn ermunterte, wieder aufzustehen. Entlang der alten Fixseile ging es dann immer weiter hinunter, bis endlich die Zelte des Lagers zu sehen waren. Nun war es nicht mehr weit. Dort würde er ausruhen können. Vor allem aber endlich wieder etwas trinken können. Seine Kehle war so ausgedörrt, dass er, als er schließlich die Zelte erreichte, kein einziges Wort mehr hervorbrachte. Er kroch in sein Zelt, warf den Kocher an, füllte den Topf mit Schnee, und freute sich über das vertraute Geräusch, das ihm irgendwie Sicherheit vermittelte. Das Wetter war indessen schlecht geworden, und er war froh, als auch sein Freund endlich im Lager ankam. Den Gipfel hatte er leider nicht erreicht. Nebel, Sturm und Schneefall waren schneller gewesen. Er wusste nicht recht, was er sagen sollte, und hatte nun fast ein schlechtes Gewissen, dass er oben gewesen war, der Freund aber nicht.

 

Die Nacht kam, der Sturm zerrte am Zelt, und in wenigen Stunden fiel mehr als ein halber Meter Neuschnee. Er dachte die ganze Zeit über an die Lawinengefahr, bis er es schließlich mit der Angst zu tun bekam, alles zusammenpackte, und sich an den Abstieg machte. Als einer der ersten spurte er durch die tiefverschneiten Hänge, oder seilte sich über die steileren Passagen ab. Jetzt ging es darum, den Gipfel auch noch sicher ins Tal zu bekommen. „Keine leichte Aufgabe bei diesen Bedingungen“ dachte er, aber irgendwie würde es schon gelingen. Meter um Meter ging es abwärts, und manchmal war ihm nicht mehr ganz wohl zumute in seiner Haut, aber schließlich erreichte er 1.000 Meter tiefer Lager I. Der schwierigste und steilste Teil des Absteigs lag nun hinter ihm, der Eisbruch mit seinen tausenden von Spalten noch vor ihm. Er überlegte, ob er bleiben oder gehen sollte, und obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, noch einmal 900 Höhenmeter abzusteigen, packte er alles zusammen, und zwang sich noch an diesem Tag ins Basislager hinunter. Mit 25 Kilogramm auf dem Rücken schloss er sich einer Seilschaft an, und quälte sich Schritt für Schritt, Meter für Meter, Spalte für Spalte, durch den Eisbruch. Sie waren so langsam, dass es längst zur Gewissheit geworden war, dass sie in die Dunkelheit geraten würden. Zudem war es Nachmittag, und eigentlich viel zu warm. In Wahrheit sprach überhaupt nichts für diesen Abstieg. Außer dass er es endlich hinter sich haben wollte. Es wurde 9 Uhr abends und war seit zwei Stunden stockfinster, als sie die Schuttmoräne erreichten, und nun endlich in Sicherheit waren. Der Empfang im Lager durch all die anderen die da waren, war unglaublich fröhlich und herzlich, doch er war so müde, dass er kaum etwas davon mitbekam. Selbst zum essen war zu müde. Er brachte keinen Bissen hinunter. Eine Stunde später schon lag er, glücklich darüber, dem ganzen Rummel entgangen zu sein, zufrieden und unglaublich erleichtert in seinem Zelt. Er war hier! Er war in Sicherheit! Hier konnte ihm nichts mehr geschehen! Als ihm das alles endlich bewusst wurde, kullerte ihm eine Träne über die Wange. Gleichzeitig genoss er die Stimmung, die er in sich fühlte. Ein bißchen Freude, ein bißchen Triumph, eine bißchen Leere, ein bißchen Melancholie. Allein für dieses seltene Gefühl lohnten sich solche Abenteuer. Und irgendetwas in ihm machte sich im selben Augenblick auf die Suche nach einem neuen Ziel.

 

<< Neues Textfeld >>