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Antarktis, Mount Vinson 4.897 m, Expeditionsbericht

 

 

Der Mount Vinson in der Antarktis ist bestimmt einer der exklusivsten Berge der Welt. Exklusiv macht ihn nicht etwa seine Schwierigkeit - diese ist auf der Normalroute mit der West Butress am Denali vergeichbar - sondern die einzigartige Abgeschiedenheit des Berges. Im Landesinneren der Antarktis gelegen, nur etwa 1000 Kilometer vom Südpol entfernt, ist jegliche Zivilisation absolut außer Reichweite. An den Berg selbst gelangt man mit einem kleinen Flugzeug, das einen auf einem 2000 Meter hoch gelegenen Gletscher absetzt. Von da an ist man auf sich alleine gestellt - es gibt keine Träger und auch sonst keinen Support.

 

Genau darauf freuten wir uns, als wir - mein Seilpartner Gerald Fiala und ich - als winzig kleines Zwei Mann Team von Österreich aufbrachen, um den Mount Vinson zu besteigen. Alleine der Flug von Punta Arenas an der Südspitze von Chile in die Antarktis selbst, ist ein unbeschreibliches Erlebnis. In einer russischen Transportmaschine ging es über Kap Horn und die Drake Passage hinweg, der Antarktis entgegen. Die russischen Piloten vollbrachten das Kunststück mit dem 150 Tonnen schweren Flugzeug auf einem blanken Eisfeld zu landen. Ich staunte nicht schlecht, als ich aus dem Flugzeug herauskletterte, und auf einer Eisfläche stand, die so glatt war, dass man darauf hätte Schlittschuh laufen können!

 

Wir verbrachten einen Sturmtag in Patriott Hills, einer kleinen Zeltstadt mitten im Eis, die von ALE (Antarctic Logistic & Expedition) unterhalten wird. ALE ist das einzige Unternehmen, welches die Genehmigung besitzt, zivile Personen zu privaten Zwecken in die Antarktis zu befördern. Mit nur einem Tag "Verspätung" erreichten wir tags darauf mit einer Twin Otter die Gletscher am Fuß des Mount Vinson. Noch am selben Tag luden wir unsere gesamte Ausrüstung inklusive Brennstoff und Proviant für etwa 14 Tage auf unsere Schlitten, und mit jeweils 45 Kilogramm im Schlepptau, zogen wir (im wahrsten Sinne des Wortes) los. Der Beginn der Route folgt relativ flachen Gletschern unter die Westwand des Mount Vinson, wo wir in 2.800 Meter Höhe unser erstes und einziges Hochlager errichteten. Die meisten Expeditionen setzen heute auf zwei Hochlager entlang der Route (früher waren sogar drei Camps üblich), doch wir wollten es mit nur einem einzigen schaffen. Das ergab für uns zwar eine Gipfeletappe von 2.000 Höhenmetern, was eine enorme Distanz bedeutete, aber meine Erfahrung von vielen anderen hohen Bergen ließ mich auch hier diesem Stil den Vorzug geben: Leicht und schnell!

 

Üblicherweise bildet sich im antarktischen Sommer über der Polkappe ein riesiges, sehr stabiles Hochdruckgebiet. Dieses ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Garant für absolut perfektes Bergwetter. So konnten wir den nächsten Tag auch sehr gut für eine Akklimatisationstour nutzen, bei der wir den weiteren Verlauf der Route erkundeten und bereits bis 1.000 Höhenmeter unter den Gipfel gelangten. An diesem Tag stiegen wir auch zum ersten Mal durch die sogenannte "Headwall", der steilsten Passage der gesamten Route. Doch mit einer Neigung von kaum mehr als 40 ° stellte sie uns vor keine Probleme. Auch der Eisbruch mit seiner Spaltenzone an ihrem Ausstieg erschien uns nicht allzu gefährlich. Nun wussten wir, woran wir waren und wollten nach einem Rasttag zum ersten Mal den Gipfel versuchen.

 

Die nächsten fünf Tage allerdings brachten richtiges Sturmwetter. Eine solche Wettersituation, ist um diese Jahreszeit hier eigentlich undenkbar. Erst am Ende des fünften Tages kündigte sich endlich eine Wetteränderung an und wir beschlossen, einen Versuch zu wagen.

 

Mit dem Allernotwendigsten in unseren Rucksäcken stiegen wir um 14.00 Uhr los. Den ersten Teil kannten wir ja schon und auch diesmal fiel uns die Headwall nicht schwer. Über einige Steilaufschwünge erreichten wir nach etwa 5 Stunden ein Hochtal, an dessen Ende weit entfernt der Gipfelaufbau zu erkennen war. Von Osten her blies ein scharfer Wind und bei Temperaturen von etwa minus 40 Grad ergab das eine extreme Kälte. Drei Stunden später standen wir am Fuß der Gipfelpyramide. Der Gipfel selbst war nun also zum ersten Mal in greifbarer Nähe und übrig geblieben war letztlich eine Frage der Willenskraft. Schritt für Schritt stiegen wir höher. Schließlich betraten wir den Gipfelgrat. In strahlendem Schein der Mitternachtssonne lag er vor uns und führte noch etwa 200 Meter weit hinüber zum Gipfel des Berges. Um halb ein Uhr "nachts" betraten wir den höchsten Punkt des antarktischen Kontinents. Der Himmel war tiefblau, es war vollkommen windstill und unter uns lag die gesamte Antarktis. Die Weite des Ausblicks von hier heroben schien unendlich. Sie war es auch! Am meisten aber faszinierte mich die Stille. Nichts war zu hören und nichts störte den vollkommene Einklang, den wir hier fanden. Die Antarktis ist ein Juwel! Sie ist einzigartig! Ein Diamant! Und wir sollten alles daran setzen, dass sie für immer so bleibt, wie wir sie an diesem Tag erleben konnten.