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Tibet, Shisha Pangma, 8.013m, Expeditionsbericht

 

Es war das Abenteuer meines Lebens!" Ein letztes Mal noch begegnete mir dieser Gedanke, dann drehte ich mich um und verließ das Basislager des Shisha Pangma. Endgültig. Ich stieg hinunter in das nächste Dorf, das 30 km entfernt lag. Stieg hinein in die unendliche Weite Tibets. Während der nächsten paar Stunden meiner Wanderschaft versank ich in den unbeschreiblichen Farben dieses Landes. Jede für sich ist einfach und schlicht, alle zusammen aber waren vollkommen. Eine Einheit. Es war eine Zeit voller Höhepunkte und Rückschläge, voller Euphorie und Niedergeschlagenheit, voller unbändiger Kraft und nie gekannter Schwäche, voller Mut und voller Angst. Und all das in einer Intensität, wie sie mir bis dahin völlig unbekannt gewesen war. Während dieser ganzen Zeit galt es einerseits oft hart gegen sich selbst zu sein, sich im wahrsten Sinne des Wortes zu zwingen - besonders dort, wo man längst nicht mehr wollte - und andererseits dabei nie verbissen zu werden, offen zu bleiben und auch die Freude an dieser Sache nie zu verlieren, denn nur so, das wusste ich, wäre es möglich mehr von hier mit nach Hause zu nehmen. Sogar mehr als „nur" den Gipfel.

 

Das Abenteuer dieser 8000er Expedition begann für mich bei weitem nicht erst in irgendeinem Basislager. Schon Monate vorher war ich gedanklich rund um die Uhr mit dieser Unternehmung verbunden. Sei es, dass ich über die Zusammenstellung der Ausrüstung grübelte, sei es, dass ich mich darum sorgte, woher das viele Geld kommen sollte. Manchmal träumte ich halbwach davon, wie es sein würde, den Gipfel zu betreten. Und viel öfter noch war ich beim Training. Von all diesen Dingen mochte ich mein Training immer am meisten. Da konnte ich abschalten, da lief ich um des Laufens willen, da stieg ich den ganzen Winter auf die Berge, nur um des Steigens willen, da kletterte ich um des Kletterns willen. Da war ich ich selbst, und nicht mehr der Gefangene meiner eigenen hochgesteckten Ziele. Die letzte Last dieses ganzen Denkens fiel von mir ab, als wir das Basislager erreichten. Jetzt waren wir hier. Alles Denken war Vergangenheit.

 

Die ersten Tage waren hart. Die Höhe von 5650 Metern auf der unser Basislager stand, setzte mir zu. Ich fühlte mich schwach, litt unter der Kälte und dem ständigen eisigen Wind, litt an Kopfschmerzen und verwünschte mich manches Mal dafür, dass ich es so weit getrieben hatte. In diesen Tagen zwang ich mich zu nichts, ließ nur Zeit vergehen - wartete. Und siehe da, ein paar Tage später fühlte ich mich besser. Langsam kamen meine Kräfte wieder. Und mit ihnen kam mein Mut zurück. Wir gingen daran unsere Hochlager aufzubauen, trugen schwere Rucksäcke über endlose Gletscher und über steile Eishänge. Wir waren eine kleine Expedition und hatten keine Hochträger, also galt es doppelt zuzupacken. Ich empfand Freude an dem was ich tat. Bald stand Lager I auf 6400 Meter und wenig später Lager II auf 7000 Meter Höhe. Somit war alles für einen ersten Gipfelversuch vorbereitet. Mehr brauchte es nicht.

 

Voller Hoffnung verließen wir am 18 Mai zum ersten Mal das Basislager um zum Gipfel aufzubrechen. Mehr als zwei Wochen lang war das Wetter gut gewesen, aber als wir Lager II erreichten schlug es um. Es war zum Heulen. Warum gerade jetzt? Der Gipfel des Shisha Pangma war wieder in weite Ferne gerückt. Der Traum in weniger als zwei Wochen auf einen 8000er zu steigen, blieb weiterhin ein Traum. Eine Illusion, das msste wohl so sein. Vielleicht war es aber auch gut so. Dennoch tat es weh. Es schmerzte - und wie! Es traf mitten ins Herz. So viel innere Kraft und Energie, so viel Optimismus und Motivation steckte in diesem ersten Anlauf. Und nun so zu scheitern, das war wie den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es dauerte einige Tage bis ich wieder zu mir fand. Manche andere hatten inzwischen aufgegeben. Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen. Mit derselben Leidenschaft, denn von der hing letztlich alles ab. So als stünde ich ganz am Anfang ließ ich am frühen Morgen des 23. Mai das Basislager hinter mir. Zu fünft stiegen wir direkt zum Lager II auf. Auf 7000 Meter verbrachten wir eine Nacht. Mehr schlecht als recht. Minus 25 Grad hatte es im Zelt, ich fand kaum Schlaf. Die Nächte so hoch oben waren mir immer mehr eine Qual als sonst etwas. Um halb drei Uhr morgens stiegen wir schon wieder weiter. Es war die letzte Etappe zum Gipfel. Es war unsere letzte Chance es zu schaffen. Jetzt galt es zu zeigen, was einer kann. Jetzt musste all die Freude, all das Denken, all das Training der letzten Wochen und Monate auf einen Punkt gebracht werden. Wenn ich das konnte, dann konnte ich auch bis zum Gipfel steigen.

 

Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich so etwas begonnen. Finstere Nacht während der ersten Stunden. Eisige Kälte. Wir stiegen immer höher und höher. Ich rang nach der dünnen Luft, sah den Gipfel unendlich weit weg von mir, war mir sicher, niemals dort oben anzukommen. Stieg dennoch weiter, so als wäre dieses Weitersteigen zu einem Instinkt geworden. Seit Wochen, ja seit Monaten wartete ich auf diese Stunden. Und jetzt wo sie da waren, empfand ich sie intensiver, als ich es mir je hatte vorstellen können. Ich spürte die eisige Kälte und die bleierne Müdigkeit in mir. Manches Mal half mir das aufmunternde Wort eines meiner Freunde und ich war froh, sie in meiner Nähe zu wissen. Besonders als wir alle in dieser Gipfelflanke kletterten. Die Verhältnisse waren gut, und dennoch, wie unheimlich war mir dieser riesige Hang! Diese Stunden waren leer und erfüllt zugleich. Irgendetwas trug mich immer höher hinauf, ich selbst setzte nur einen Fuß vor den anderen, aber Tausende Male, ohne eigentlich zu wissen warum. Es war auch gleichgültig, so war es eben, um dies zu tun, war ich hier. Zu nichts Anderem. Die Rätsel die mir diese Stunden aufgaben, bedurften keiner Lösungen.

 

24. Mai 1997, halb zwei Uhr nachmittags, irgendwo mitten in Tibet. Die Sonne stand hoch im tiefblauen Himmel. 32 Stunden nachdem wir das Basislager verlassen hatten, standen wir auf dem Hauptgipfel des Shisha Pangma, 8.013 Meter hoch! Einer der höchsten Berge der Erde, einer der vierzehn 8.000er! Es war ein Augenblick, der sich eigentlich nicht beschreiben lässt. Hier ging gerade ein Traum in Erfüllung. Das schreibt sich erstaunlich leicht, dabei welch unglaubliches Gewicht haben diese Worte in Wahrheit! „Ein Traum ging in Erfüllung!". Wenn auch oft nur so dahingesagt, diesmal war es wirklich so, und es war, als fiele ein Stern vom Himmel. Dieser Augenblick, und die Zeit die ihm vorangegangen war, dessen bin ich mir heute sicher, das war „das Abenteuer meines Lebens".

 

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